Wahnsinn, dieser Wal
Shownotes
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Dieser Beitrag wurde mit einer eigens für die Republik entwickelten synthetischen Stimme vertont. Mehr dazu hier.
Transkript anzeigen
00:00:05: Wir Menschen können nicht anders, Tiere bringen uns um den Verstand.
00:00:10: Wahnsinn dieser Wahl!
00:00:14: Ein Beitrag von Angelika Hardecker vorgelesen von einer synthetischen Stimme.
00:00:20: Anfangs nachdem ich den Lifeticker der Bild zum Wal in der Ostsee gelesen hatte musste Ich an einen Satz aus Hermann Burgers Roman Schildten denken.
00:00:29: Schilten ist das Protokoll einer Reise in den Wahnsinn, verfasst von einem Dorfschullehrer der die Vogelkunde als Schulfach abschafft und überhaupt die Realien sukzessive durch Surrealien-und Irrealien ersetzt.
00:00:42: Der Lifeticker der Bild zu dem Wahl schien mir der Beweis – wir sitzen alle und wohl schon länger in dieser Klasse!
00:00:49: Im Iran fallen Bomben und Deutschland bankt hofft Betit für einen Wahl, der im flachen Wasser eine Bucht vor Mecklenburg Vorpommern gestrandet.
00:00:58: Minütliche Updates, weil der Wahl so geschwächt ist.
00:01:02: Reporter vor Ort beobachten den Atem des Tieres als sei es ihre eigene Meditation.
00:01:08: Irgendwann steigt ein bärtiger Mann in einem Neopren-Anzug mit Buckelwaldruck ins Meer und erklärt er habe Kontakt aufgenommen mit dem Wahl.
00:01:18: Ich fragte mich noch ob ein Buckelvahl – so verirrt er auch sein mochte – einen Buckellwaldruck tatsächlich als Artgenossen missverstehen könnte.
00:01:26: Da hatte der Wahl schon wieder geatmet, oder Möwen pickten auf ihm rum.
00:01:30: Oder irgendjemand hatte irgendwo irgendwas über den Wahlgesagt und Bild lieferte das nächste Update.
00:01:36: Bald berichtete auch die New York Times.
00:01:39: Dreimal schwamm der Wahllos – Hoffnung!
00:01:42: Auch bei mir.
00:01:44: Und er strandete erneut.
00:01:46: Der Neopren-Anzug mit Buckelwahldruck, der anfangs als Meeresbiologe aufgetreten war entpuppte sich als Influencer und war also fake.
00:01:55: Zwischendurch drohte Trump dem Iran offen mit Auslöschung.
00:01:58: Die NASA schoss vier Astronauten zum Mond, der Wahl litt eine ganze Mondumkreisung lang.
00:02:04: Im norddeutschen Ort Wismar vor dessen Küste der Wahllag fragten Protestierende den zuständigen Umweltminister vorwurfsvoll Wir fliegen zum Mond aber diesen Wahl kriegen wir nicht gerettet?
00:02:17: Einerseits ja wie kann das sein?
00:02:20: Andererseits war der gestrandete Val ja der offensichtliche, kolossale Beweis dafür wie die menschliche Vernunft an Tieren scheitert.
00:02:28: Da war zum Beispiel die Episode mit Martin Rütter dem Hundecoach im deutschsprachigen Raum.
00:02:34: Rütta erzählte in seinem Podcast, Wahlfreunde würden ihm das Postfach füllen mit der Bitte er möge doch ihr Gent etwas tun für dieses Tier.
00:02:42: Ob er dem Wahl vielleicht ein Signal beibringen könnte, so dass der Wahl ihm – dem Hundecoach auf einen Zeichen hinterher schwimmen würde?
00:02:51: Eine groteske Idee ja.
00:02:53: Wobei man dazu wissen muss….
00:02:55: Der Hunde-Coach Rütter hat im deutschen Fernsehen nicht eine Sendung sondern vier!
00:03:00: Wie gesagt hat Rütta auch einen Podcast und schon mehrere Bücher geschrieben.
00:03:05: Über alle Kanäle versucht Rütter, den in ihre Hunde verliebten aber sehr verzweifelten Hundehalterinnen beizubringen dass sie im Umgang mit ihren Hunden den Verstand einschalten müssen.
00:03:15: Dass es zum Beispiel nichts bringt seinen Hund unablässig zuzutexten.
00:03:19: schließlich verstehen Hunde unsere Sprache nicht.
00:03:22: und dennoch auf jede Folge von der hundeprofi folgt noch die nächste Ganze.
00:03:28: fünf Comedy-Programme hat Rütter bereits gefüllt mit Witzen über die grenzenlose Unvernunft von Liebesblinden Hündelern.
00:03:35: Wenn schon Hunde uns derart überfordern, wie wollen wir da fertig werden?
00:03:39: Mit einem gestrandeten Wahl!
00:03:41: Mit dem Schlepper – mit dem Bagger.
00:03:45: Martin Rütte hatte natürlich auch keine Ahnung was mit dem Wahl zu tun sei.
00:03:49: In seinem Podcast sagte Rütta er habe wie viele andere so Dinge gedacht wie Ich.
00:03:58: jetzt, der Martin, der von nichts Ahnung hat, hätte gesagt, hör mal!
00:04:03: Sollen wir dem nicht einfach ein Seil um die Schwanzflosse machen und dann ziehen wir den mit dem Schlepper raus?
00:04:09: Solche Gedanken hatten alle Wahlbewegten.
00:04:12: Müsste man ihn nicht irgendwie mit einem Riesennetz rausholen und mit einem Hubschrauber wegfliegen können, fragte einen Mann bei einem Protest in Wismar.
00:04:22: Der Gründer von Mediamarkt ließ verlauten er Verhandle mit einer Bergungsfirma über einen Katamaran.
00:04:28: Dann könnte man ihn damit in den Atlantik zurückbringen.
00:04:32: Alles Erdenkliche haben die Menschen überlegt oder versucht.
00:04:36: Sie baggerten dem Wahl eine Rinne aus der Sandbank, damit er bei Hochwasser in tieferes Wasser und in die Freiheit schwimmen könne.
00:04:44: Sie versuchten auf Polizeiboten Wellen zu machen um den Wal in die Freiheit zu schubsen.
00:04:50: Immer wieder die Hoffnung – Der Wal nutze die kommende Flut!
00:04:54: Sie versuchten ihn mit Hupen und Lärm in die Freiheit zu treiben, sie schlugen mit Paddeln auf das Wasser um den Wahl zur Bewegung zu animieren.
00:05:01: Und irgendwann zwischen all den verzweifelten Versuchen der Lage herzuwerden kam die Meldung aus Hamburg ein Wolf habe in der Nähe eines Ikea-Möbelzentrums eine Frau angegriffen – auch in Hamburg.
00:05:13: sofortige Mobilisierung aller Kräfte!
00:05:16: Mit Kastenwagen es waren mindestens vier rückte die Hamburger Polizei aus gegen einen Wolf.
00:05:23: Jetzt begann ein völlig anderer Film, mehr Krimi als Drama.
00:05:27: Der Wolf flüchtete von der Ikea-Filiale in die Hamburger Innenstadt.
00:05:31: Die Polizei versuchte ihn zu stellen, wurde berichtet.
00:05:35: Der Wolf sprang in die Alster – ein letzter Versuch des Entkommens.
00:05:39: Polizisten zogen ihn schließlich mit einer Schlinge aus dem Fluss und sperrten ihn ein.
00:05:45: Der Wolf wurde in eine Wildtier-Auffangstation gebracht, wo er – so formulierte das die Zeit – bis Ostern auf sein Urteil wartete.
00:05:54: Im Mittelalter stellten Menschen Tiere vor Gericht.
00:05:57: In aller Form erstatteten sie Anzeige, vernahmen Zeugen und ließen schriftliche Urteile ergehen.
00:06:03: In einem Fall aus dem Jahr thirteenhundertsechsundachtzig wurde einem Schwein vorgeworfen es habe ein Kind verstümmelt.
00:06:10: Das Gericht sprach das Tier des Mordes schuldig, der Historiker Peter Dinzelbacher schreibt über solche Tierprozesse.
00:06:16: die in den Akten verwendeten Formulierungen entsprechen völlig denen gegen menschliche Übeltäter.
00:06:23: Er scheint aus heutiger Sicht lächerlich nicht?
00:06:25: Was haben sich die Menschen im Mittelalter bloß gedacht?
00:06:28: Andererseits wie viel vernünftiger sind wir denn wirklich geworden?
00:06:33: In Hamburg kam die Frage sofort auf sollte man den Wolf töten oder wieder freilassen?
00:06:39: Die Taz übernahm die Verteidigung und erklärte den Tatbestand des Angriffs für nicht erfüllt.
00:06:44: Die Darstellung in den Medien habe das Ereignis verzerrt, anzugreifen bedeutet immer selbst tätig zu werden – und nicht etwa auf etwas bloß zu reagieren!
00:06:54: Das Wort «Angriff» argumentierte.
00:06:57: die Taz wäre im vorliegenden Fall also nur dann korrekt gewesen wenn der Wolf der verletzten Frau aufgelauert und sich auf sie gestürzt hätte.
00:07:05: Darauf aber geben die Schilderungen keinerlei Hinweis.
00:07:08: So das Plädoyer.
00:07:10: Also Freispruch für den Wolf?
00:07:12: Die zuständige Hamburger Politikerin ließ den Wolf auswildern, auf Bewährung wie sie sagte.
00:07:19: Ähnlich verfahren wir auch mit Wölfen in der Schweiz.
00:07:22: Werden auf eine Alpschafe gerissen sammeln Fachleute vor Ort Speichel, Kot oder Haarproben.
00:07:28: lassen Sie im Labor auswerten und versuchen den Verantwortlichen Wolf per DNA zu identifizieren.
00:07:34: Die Behörden arbeiten mit einer Zahl von Tieren, die ein Wolf reißen darf bevor sein Abschuss amtlich verfügt wird.
00:07:41: Die Firmlichkeit ist deutlich weniger geworden seit Umweltminister Albert Rösti eigenmächtig präventive Abschüsse verordnet hat.
00:07:49: Darum kam nach der ersten offenen Wolfsjagd und den darauffolgenden DNA-Abgleichen prompt die Schlagzeile.
00:07:56: Die Walliser hätten lauter unschuldige Wölfe getötet so formulierte das der Blick Die wahren Schafschlechter, hieß es im Artikel liefen noch immer frei herum.
00:08:07: Wir wollen den Wolf schützen und die Schafe und uns!
00:08:12: Aus Überforderung tun wir so als gäbe es unter Raubtieren Straftäter – Schuldige und Unschuldige sowie Unteruns.
00:08:21: Eine Braunbärin, die in Italien einen Jogger tötete wird heute in einem Wildpark verwahrt hinter hohen Elektrozäunen und Dauerüberwacht von Kameras.
00:08:30: Der Betreiber des Parks nahm die Beeren wiederwillig an, nachdem Tierschützer vor Gericht das Leben der Beerin erkämpft hatten.
00:08:37: Dem Tagesanzeiger sagte der Beerenkenner man tut den Wildbeeren keinen Gefallen wenn man sie einsperrt.
00:08:43: es wäre besser gewesen die Beerin abzuschießen weil sie die Freiheit gewohnt ist.
00:08:47: Gefangenschaft ist für Sie qual.
00:08:50: Das Gehege der Beere kostete eine Million Euro Wahnsinn nicht?
00:08:55: Wahnsinn auch was der Wahl auslöst und wie wenig sich zugleich ändert.
00:09:00: Vor Ort gab es Menschen, die um den Wahl trauerten und sich daraufhin an einem Imbissstand Fischbrötchen bestellten.
00:09:07: Wahnsinn wie viel Hass der Wahl hervorruft!
00:09:11: Tierschützer haben Wissenschaftlerinnen mit Steinen beworfen weil diese den Wahl angeblich nicht retten wollten.
00:09:17: man wünscht uns dass wir von Vögeln totgepickt werden berichtet eine Meeresbiologin.
00:09:22: Wahnsinn dieser Aufruhr um einen Wahl, wo doch jeden Tag X Millionen Tiere in Schlachthöfe gekarrt werden und jedes Jahr Zehntausende Wale und Delfine in Fischnetzen verenden – neben den Milliarden fischen.
00:09:38: Der Wahlfall?
00:09:40: An fehlendem Wissen liegt es sicher nicht.
00:09:42: Wir wissen zum Beispiel über Wahle sehr viel.
00:09:45: Ich habe in den vergangenen Tagen das wunderschöne Wort «wahlvoll» gelernt.
00:09:50: Es bedeutet Ein Wal sinkt nach dem Tod in die Tiefen der Meere, wo es sonst kaum Nährstoffe gibt und wird dort von Tiefsee-Bewohnern über Jahre bis Jahrzehnte zersetzt.
00:10:01: Wir wissen inzwischen auch alle dass man einen kranken Wal weder einschläfern noch erschießen noch sicher tot sprengen kann.
00:10:08: wir wissen man sollte ihn nicht am Schwanz ziehen und wegschleppen und auch nicht mit einem Kran auf einen Katamaran hiefen und in die Nordsee fahren.
00:10:17: Wir wissen, wenn Wale stranden, erdrücken sie irgendwann sich selbst.
00:10:21: Ihre Organe sind auf die schwere Losigkeit des Wassers angewiesen.
00:10:24: Wir wissen werden gestrandete Wale obduziert kommt es häufig vor dass ihnen Plastik um Plastikk aus dem Bauch gezogen wird.
00:10:33: wir wissen fast sicher das der gestrandeten wahl in ein fest installiertes Fischfang Netz geschwommen ist und Teile des netzes verschluckt hat.
00:10:41: Vermutlich war er ursprünglich Heringsschwärmen in die Ostsee gefolgt, so schwamm er immer weiter in Gewässer, die gefährlich für ihn sind.
00:10:49: Wir wissen, dass wir Menschen sehenden Auges dasselbe tun – wir begeben uns für Futter ins Verderben!
00:10:56: Wir wissen das ein Wahlherz einen Durchmesser von mehr als einem Meter hat.
00:11:00: Mich persönlich rührt es sehr.
00:11:02: Wahrscheinlich weil ich die Friedfertigkeit der Wale in dieses riesige Herz projeziere.
00:11:07: Ich nehme mich nicht aus, wenn ich sage Tiere bringen uns um den Verstand.
00:11:12: Die Frage ist Warum?
00:11:14: Wahrscheinlich weil Tiere sind wie wir und zugleich auch so anders.
00:11:18: Im Zugleich passiert das Chaos unserer Beziehung zum Tier.
00:11:22: Weil sie sind wie Wir ziehen Menschen Hunden menschliche Kleider an.
00:11:27: Weil Tiere zugleich anders sind empfinden die Menschen es als ihr Recht Tiere zu essen.
00:11:32: Der Schriftsteller John Burger hat viel nachgedacht über Menschen und Tiere.
00:11:36: Er schreibt, Tiere waren die ersten Motive, die Menschen in Höhlen zeichneten – Die erste Farbe war wahrscheinlich Tierblut!
00:12:02: Nicht mit Baggan, nicht mit einem Kran.
00:12:04: Nicht mit einem Spezial-Katamaran!
00:12:07: Nicht mit Wissenschaft.
00:12:09: Nicht mittels Eilanträgen vor dem Verwaltungsgericht.
00:12:12: Nicht den Millionen eines Unternehmers.
00:12:14: Nicht Martin Rütter.
00:12:16: Nicht der Feuerwehr die irgendwann anfing dem Wahl seine eigenen Laute vorzuspielen im Wissen darum dass er anders ist.
00:12:24: In Dieter Bachmanns Büchlein unter Tieren denkt die Hauptfigur Hebel Ein alter Mann und Miesantrop einmal über die Sprache der Wale nach.
00:12:33: Selbst wenn man die Grammatik der Wahlsignale eines Tages entschlüsseln könnte, so Hebel würde man nie wissen was der Wahl wirklich sagen will.
00:12:41: Es sagt ja nichts.
00:12:43: Hinter diese Banalität oder sagen wir milder hinter diese Grenzen der eigenen Sprache kann man nicht zurück und nicht über sie hinaus.
00:12:52: Den Tieren sei nur auf einer ganz anderen Ebene zu begegnen vergleichbar wenigstens annäherungsweise einer Begegnung mit Außerirdischen.
00:13:01: Vielleicht verstehen wir das Drama um den Wahl besser, wenn wir uns den Wahl so vorstellen wie einen gestrandeten Außerirdischen?
00:13:09: Wäre er grün, wen würde es wundern dass alle alles versuchen und dass die Menschen komplett durchdrehen.