Wenn die Geburt zum Albtraum wird
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Dieser Beitrag wurde mit einer eigens für die Republik entwickelten synthetischen Stimme vertont. Mehr dazu hier.
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00:00:05: Die Geburtshilfe in der Schweiz steht unter enormem Kostendruck.
00:00:09: Auch darum erleben immer wieder Frauen Gewalt, wenn sie ihr Kind zur Welt bringen – das soll sich ändern!
00:00:16: Wenn die Geburt zum Albtraum wird.
00:00:19: Ein Beitrag von Stefanie Müller-Frank vorgelesen von einer synthetischen Stimme Als Johanna Loser am Tag nach ihrer Geburt unter der Dusche steht kommen ihr plötzlich die Tränen und hören lange nicht mehr auf.
00:00:33: Dabei schläft ihr Neugeborenes friedlich im Stubenwagen nebenan.
00:00:38: Erst da begreift sie, was ihr am Tag zuvor passiert ist.
00:00:41: Die haben mir im Spital einfach den Bauch aufgeschnitten – ohne Not!
00:00:46: Auch im Wochenbett überrollt sie die Trauer wenn sie an diesen Moment denkt.
00:00:50: Ihre Familie und ihre Freundinnen wollen Sie trösten und versichern ihr dass der Kaiserschnitt bestimmt richtig gewesen sei.
00:00:57: Hauptsache das Kind ist gesund.
00:01:01: Johanna Loser schluckt.
00:01:02: Sie kennt diesen Satz denn sie isst selbst Hebamme.
00:01:06: Immer wieder hatten ihr Frauen schockiert von ihrer Geburt erzählt.
00:01:10: Aber Loser dachte sich, na ganz so war es wahrscheinlich nicht!
00:01:14: Trotz vieler Jahre Berufserfahrung in einem großen Bernerspital erst im Schichtdienst dann als freiberufliche Hebamme konnte sie nicht glauben was sie da alles zu hören bekam bis sie selbst Mutter wurde.
00:01:28: mehr als jede vierte Gebärende in der Schweiz hat erlebt dass sie während der Geburt nicht ernst genommen eingeschüchtert vernachlässigt oder unter Druck gesetzt wurde, einem medizinischen Eingriff zuzustimmen.
00:01:40: Das ergab eine schweizweite Umfrage der Berner Fachhochschule Gesundheit an der sechstausend Frauen teilgenommen haben.
00:01:47: Struktureller Druck im Gebärsaal kann zu Gewalt führen.
00:01:51: Ungewollte Damm- oder Kaiserschnitte – eine Fixierung der Arme und Beine sowie Eingriffe ohne Betäubung gehören zu den Vorfällen die die Nationale Ethikkommissionen im Bereich der Humanmedizin regelmäßig beobachtet.
00:02:05: Sie hat das Problem und mögliche Lösungen in einer Stellungnahme adressiert, die sie kommende Woche publizieren wird – und die der Republik vorab vorliegt.
00:02:14: Ihre Stellungname reiht sich ein in eine globale Debatte zum Thema.
00:02:18: Zahlreiche internationale Organisationen wie das Europäische Parlament, dass Hochkommissariat für Menschenrechte der Vereinten Nationen oder die Weltgesundheitsorganisation kommen zu dem Schluss dass in vielen Ländern Handlungsbedarf besteht, um eine respektvolle Geburtsbegleitung sicherzustellen.
00:02:36: Um die Betroffenen zu schützen wurden sämtliche Namen in dieser Reportage geändert.
00:02:40: – als Johanna Loser mit thirty-four Schwanger wird freut sie sich sehr!
00:02:46: Schon länger hat sie sich ein Kind gewünscht.
00:02:48: Die Schwangerschaft verläuft ohne Komplikationen also plant die Hebamme begleitet von einer Kollegin eine Geburt bei sich Zuhause doch dann dreht sich ihr Kind im Bauch Liegt ein Kind mit dem Becken statt mit dem Kopf nach unten, gilt eine Hausgeburt als Risiko.
00:03:06: Die meisten Ärztinnen und Hebammen raten davon ab.
00:03:09: Zwei Wochen vor dem Entbindungstermin ändert Johanna Luser daher ihren Plan.
00:03:14: Sie bittet eine Beleghebamme- und eine Gynäkologin aus dem Spital die beide auf vaginale Geburten in Beckenentlage spezialisiert sind sie zu begleiten.
00:03:24: Einen Kaiserschnitt möchte sie nicht!
00:03:27: Vorsorglich packt sie schon mal ihre Tasche für die Klinik.
00:03:31: Als die Wehen losgehen, hat sich das Kind wieder in Schädellage gedreht.
00:03:35: Eine Hausgeburt steht also nichts im Weg.
00:03:38: Johanna Luser richtet sich im Wohnzimmer eine Matte am Boden ein – dazu noch einen Sitzball!
00:03:43: Auch ihr Freund ist zu Hause... Die Hebamme kommt am frühen Abend dazu.
00:03:48: In den Pausen zwischen den Wehen unterhalten sich die drei entspannt.
00:03:52: Um die Geburt zu beschleunigen, beschließt die Hebammen nach zwei Stunden, die Fruchtblase zu öffnen.
00:03:59: Ein Eingriff der für sie nicht notwendig gewesen wäre, sagt Johanna Loser.
00:04:04: Ich hatte es ja nicht eilig!
00:04:06: Ihre Hebamme offenbar schon.
00:04:08: Sie musste am nächsten Morgen um sieben Uhr früh auf den Zug aber das habe ich erst später erfahren.
00:04:15: Nach der Blasenöffnung werden die Wehen heftiger Der Muttermund öffnet sich aber nicht weiter.
00:04:20: Johanna Looser bittet ihren Freund ihr ein Bar zur Entspannung einzulassen.
00:04:25: ihre Hebammen dagegen will sofort ins Spital.
00:04:28: Die Gebärende hört vor allem einen Satz der Hebamme.
00:04:31: Das geht so nicht, du brauchst jetzt eine Periduralanesthesie also eine PDA, eine Betäubung vom Becken abwärts.
00:04:39: Johanna Loser stimmt zu obwohl sie sich voller Energie und ausgeschlafen fühlt.
00:04:45: Ich war noch lange nicht an dem Punkt das ich Schmerzmittel gebraucht hätte.
00:04:51: Geburten rentieren nicht.
00:04:54: die Geburtshilfe ist kein Bereich der Medizin der sich finanziell besonders lohnt unter anderem aufgrund der personalintensiven Betreuung.
00:05:02: Eine Geburt ist, unabhängig davon ob vaginal oder per Kaiserschnitt entbunden wird für das Spital im Durchschnitt Defizitär.
00:05:11: In den Regionalspitälern schließt daher eine Geburtsabteilung nach der anderen zuletzt in Frutigen im Kanton Bern Langenthal im Kantón Bern und Muri im Kantons Aargau.
00:05:22: Das Argument ist immer dasselbe die geburten rentieren nicht.
00:05:26: Je länger eine Geburt dauert, desto mehr personelle und räumliche Kapazitäten sind nötig.
00:05:32: Für eine Klinik, so kritisiert es die Nationale Ethikkommission in ihrer Stellungnahme, sei der Anreiz daher hoch, eine Gebur zu beschleunigen – ob durch eine Blasenöffnung den Einsatz von Wehenmitteln oder einen Kaiserschnitt.
00:05:46: Bei privat versicherten Personen sei eine interventionsarme Geburt aufgrund des Tarifsystems zudem finanziell weniger attraktiv als ein Kaiserschnitt.
00:05:56: Politischer Spardruck und Fachkräftemangel führen zu Personalengpässen in Geburtsabteilungen.
00:06:02: Was wiederum das Risiko erhöht, dass institutionelle Interessen über dem Willen der Gebährenden stehen.
00:06:07: In Spitälern werden zum Beispiel Freitags deutlich mehr Kinder geboren als am Wochenende.
00:06:13: Das zeigt, geburten werden nach Möglichkeit so gesteuert, dass die Kinder noch zu Kernzeiten auf die Welt kommen.
00:06:20: Eine halbe Stunde nachdem sie der Empfehlung ihrer Hebamme zugestimmt hat eine PDA zu legen findet sich Johanna Loser auf einem Spitalbett wieder an mehrere Kabel angeschlossen.
00:06:31: So viele, dass sie sich nicht mehr allein bewegen kann – der Katheter mit externer Schmerzpumpe im Rücken für die PDA, Gurte am Bauch um die Herztöne des Kindes zu überwachen plus eine Manschette am Oberarm zur Kontrolle da die Pda den Blutdruck senken kann.
00:06:47: Außerdem ein venöser Zugang am Handgelenk falls ein Venenmittel nötig wird denn durch eine Betäubung werden in der Regel auch die Wehen schwächer.
00:06:56: Einen Blasenkatheter, der üblicherweise gelegt wird damit eine volle Blase das Kind nicht daran hindert ins Becken einzutreten erhält sie nicht.
00:07:04: Johanna Loser sagt Der wurde einfach vergessen.
00:07:09: Mittlerweile ist es zwanzig Uhr.
00:07:11: Die Belegebamme lässt das Paar allein!
00:07:15: Die Gebärende fühlt sich vernachlässigt.
00:07:17: Sie würde sich gerne bewegen und aktiv zum Geburtsverlauf beitragen Aber sie kann nicht selbstständig aufstehen, ohne sich in den vielen Kabeln zu verheddern.
00:07:27: Durch die PDA hat sie auch kaum Kraft in den Beinen – also bleibt sie liegen und wartet!
00:07:34: Natürlich hätte ich jemanden rufen können aber ich wollte nicht kompliziert sein.
00:07:39: Um halb zwei Uhr morgens kommt die Ärztin ins Zimmer macht einen Ultraschall und stellt fest dass das Kind in Sterngucker-Position im Becken liegt, also praktisch mit dem Gesicht nach vorne fest steckt.
00:07:51: Johanna Loser weiß, was das heißt.
00:07:53: Damit sich ihr Kind in die richtige Position drehen kann muss sie ihre Blase lehren und sich bewegen dürfen.
00:08:00: Für all das braucht sie Hilfe.
00:08:02: Ihre Hebamme kommt jetzt wieder dazu – und hilft ihr!
00:08:06: Als sich Ihr Muttermund nach einer halben Stunde im Vierfüßlerstand noch immer nicht weiter geöffnet hat sind sich Ihre Hebame und die Ärztin einig.
00:08:15: Es ginge so nicht, sagen Sie.
00:08:17: zu der Gebärenden erinnert diese sich, sie stresse ihre
00:08:20: Tochter.".
00:08:21: Man müsse jetzt einen Kaiserschnitt machen.
00:08:23: Da gibt Johanna Luser auf!
00:08:25: Um zwei Uhr fünfundfünfzig kommt ihr Kind per Kaiserschneid zur Welt.
00:08:31: Wollen sie, dass ihr Kind stirbt?
00:08:34: In der Forschung wird diese Strategie als Dead Baby Card bezeichnet.
00:08:39: Keine Mutter will riskieren ihrem Kind zu schaden.
00:08:42: Die Nationale Ethik-Kommission verweist darauf, das diese Form des moralischen Drucks eine Ausübung psychischen Zwangsdarstelle insbesondere wenn die vorhandene Informationsasymetrie ausgenutzt wird, um die Gebärende durch Übertreibung der Risiken für das Kind zu einer Einwilligung in eine nicht zwingend indizierte Intervention zu bewegen.
00:09:03: Das vorrangige Ziel einer Fachperson ist es natürlich dass Mutter und Kind überleben also gesund aus einer Geburt hervorgehen.
00:09:09: Die Stellungnahme der nationalen Ethik-Kommission betont, dass Gewalt oft ohne böse Absicht entsteht.
00:09:16: Konkret heißt das Auch die Hebammen und Ärztinnen stehen bei Geburten unter enormem Druck.
00:09:22: Ich muss ständig abwägen, sagt Nora Baumgartner.
00:09:25: Halte ich mich exakt an die Vorgaben?
00:09:28: Höre ich auf die Frau oder schaue ich auf das
00:09:30: Kind?".
00:09:31: Seit vier Jahren arbeitet sie als Hebamme an einem Privatspital.
00:09:37: Sie will dass die Frauen, die sie begleitet eine Geburt nach Wunsch erleben.
00:09:41: So jongliert sie aktuelle Richtlinien Anweisungen der Ärzte Mit der Folge, dass sie sich oft in einer rechtlichen Grauzone bewegt.
00:09:51: Ich weiß wenn jetzt etwas passiert dann hänge ich!
00:09:55: Im Zweifelsfall macht die Hebamme daher lieber mal eine vaginale Untersuchung zu viel um sicherzugehen das die Geburt vorangeht und um einem medizinischen Eingriff vorzubeugen.
00:10:06: oder Sie besteht auf ein CTG zur Überwachung der Herztöne des Kindes auch wenn die Gebärende dafür jeweils zwanzig Minuten auf dem Rücken liegen muss weil sie die Herztöne sonst nicht ableiten kann.
00:10:19: Denn das Spital schreibt genau vor, wie oft und wie lange eine Hebamme ein CTG schreiben muss!
00:10:26: Ich habe immer Angst vor einem Gerichtsfall – dass ich meine Berufslizenz verliere ins Gefängnis muss, mein Leben kaputt
00:10:32: ist.".
00:10:34: Falls es zu einer Klage kommt, muss dokumentiert sein, da alles unternommen wurde was die jeweiligen Leitlinien der gynäkologischen Fachgesellschaften vorgeben.
00:10:43: Die Angst vor Haftungsklagen könne dazu führen, so die Nationale Ethikkommission das die Geburtshilfe in der Schweiz vor allem medizinische Risiken minimiere statt sich auf die Selbstbestimmung der gebärenden Person und die Gesundheit des Kindes zu konzentrieren.
00:11:00: Zu den Handlungsempfehlungen für Fachpersonen zählt zum Beispiel dass eine Frau in der Eröffnungsphase nur alle vier Stunden vaginal untersucht werden soll um festzustellen ob die Geburt vorangeht.
00:11:12: In der Praxis findet dagegen oft alle zwei Stunden routinemäßig eine vaginale Untersuchung statt", sagt Nora Baumgartner.
00:11:20: Immer wieder berichten Frauen, dass man sie vorher nicht gefragt habe.
00:11:24: Dabei ist der Nutzen einer so häufigen Intervention nicht belegt und wird von manchen Gebärenden als schmerzhaft erlebt.
00:11:31: Jede medizinische Maßnahme während der Geburt erhöht zudem das Risiko für eine weitere.
00:11:37: Werden zum Beispiel die Wehen künstlich eingeleitet erfolgen Sie oft viel heftiger und ohne Pausen.
00:11:43: Manche Gebärenden erleben durch die Medikamente einen regelrechten Wehensturm.
00:11:49: Aufgrund dieser starken Schmerzen wird dann häufig eine PDA nötig, was wiederum dazu führen kann dass sich die Frau nicht bewegt, die Geburt stagniert und das Kind im Becken festsitzt.
00:12:02: Einige Studien zeigen, daß ein eingeleitetes Geburt im Vergleich zum natürlichen Wehenbeginn das Risiko für einen ungeplanten Kaiserschnitt verdoppelt.
00:12:11: Interventionskaskade nennt sich das in der Fachsprache.
00:12:16: Auf der anderen Seite können gewichtige medizinische Gründe für eine Einleitung vorliegen, wenn das Kind nicht mehr wächst zum Beispiel oder nicht mehr ausreichend Fruchtwasser vorhanden ist.
00:12:26: Ebenso kann eine PDA Frauen dabei unterstützen ihr Kind doch noch vaginal zur Welt zu bringen wie sie es sich gewünscht hatten.
00:12:34: Einer Gebärende trotz ihrer ausdrücklichen Bitte eine Pda vorzuhenthalten stellt laut nationaler Ethik-Kommission ebenso eine Verletzung grundlegender Rechte dar.
00:12:45: Im Schichtdienst unterstützt Nora Baumgartner Frauen, die von einer niedergelassenen Gynäkologin für die Geburt ihres Kindes an der Privatklinik angemeldet werden – entweder wenn die Wehen eingesetzt haben nach einem Blasensprung oder selten auch nach einer Kontrolle in der Praxis.
00:13:01: Immer wieder spürt die Hebamme das ihr Paare mit Misstrauen begegnen oder unrealistische Vorstellungen haben wie eine Geburt abläuft.
00:13:11: Oft hätten sie im online bereitgestellten Geburtsplan willkürlich Sachen wie auf einer Speisekarte angekreuzt, die in der Praxis überhaupt nicht kompatibel sein.
00:13:20: Manchmal sogar gefährlich!
00:13:22: Kein Wunder dass Sie dann nachher enttäuscht sind, sagt Nora Baumgartner.
00:13:26: aber das hängt nicht automatisch mit Gewalt zusammen.
00:13:29: Geburt sei nun mal ein brachial-animalisches krasses lebensveränderndes und teilweise auch lebensgefährliches Ereignis.
00:13:37: Die niedergelassenen Ärztinnen kommen erst dann zur Geburt ins Spital dazu, wenn die Hebamme sie ruft.
00:13:42: Bis dahin tauscht sich Baumgartner am Telefon mit ihnen aus.
00:13:46: Oft muss sie dabei selbst entscheiden ob Sie den Arzt schon hinzuziehen sollte oder noch abwarten kann.
00:13:52: Das ist eine große Verantwortung und je nachdem auch eine große Belastung.
00:13:58: Am Abend und in der Nacht muss sie zusätzlich noch Essen warm machen Material nachfüllen und ihre Dokumentationen schreiben und wenn mehrere Frauen aufs Mal gebären, zwischendurch auch noch den Gebärsaal putzen.
00:14:10: Diese Zeit fehlt ihr wiederum um die Frauen eins zu eins zu betreuen.
00:14:15: Wir spüren den Druck unter dem das Spital steht.
00:14:18: Ich denke die Krankenkassen haben einfach so viel Macht.
00:14:23: Früher sollte die Hebamme die Armbänder der Frauen nach Leistungsdifferenz markieren.
00:14:27: Allgemein halb privat?
00:14:29: Privat.
00:14:31: Sie weigerte sich.
00:14:32: Heute kennt sie Spitäler, in denen Frauen aus Abrechnungsgründen nach Mitternacht eintreten müssen.
00:14:38: Nora Baumgartner fällt auf dass es vor den Schulferien gehäuft zu Einleitungen komme.
00:14:44: Manchmal zweifelt sie dann an der Indikation Du hast den Bauch in der Hand und da ist so viel Fruchtwasser drin das du denkst abnehmendes Fruchtwasser im Ernst jetzt?
00:14:55: Aber da sie selbst keinen Ultraschall machen kann Den Schwangerschaftsverlauf nicht mit verfolgt hat und auch nicht in der Praxis dabei war, kann sie die jeweilige Entscheidung der niedergelassenen Gynäkologinnen letztlich nicht beurteilen.
00:15:08: Als sie die Indikation einmal am Telefon hinterfragt droht ihr der Arzt.
00:15:13: so erinnert sich die Hebamme das Kind könne sterben sollte sie die Frau jetzt nicht einleiten.
00:15:19: aber da sie eh schon mehrere Gebährende gleichzeitig betreute entscheidet sich Nora Baumgartner in diesem Fall dagegen auf eigenes Risiko.
00:15:28: zu ihrem Glück geht alles gut.
00:15:31: Pathologisierung der Geburt.
00:15:34: Spitalgeburten nahmen nach Ende des Zweiten Weltkriegs europaweit zu und sind seit den Sechziger Jahren die Normen.
00:15:42: Die Abläufe waren stark standardisiert, Frauen wurden quasi narkotisiert, mussten in Rückenlage auf dem Bett gebären und die Neugeborenen wurden nach der Gebur von der Mutter getrennt.
00:15:53: Dafür konnte durch medizinische Eingriffe die Säuglings- und Müttersterblichkeit in der Schweiz bis in die Zwei Tausend Zwanziger kontinuierlich reduziert werden.
00:16:03: Noch heute wird jede Schwangerschaft als Risikoschwangerschaft bezeichnet, die mit einem rein statistisch erhöhten Komplikationsrisiko einhergeht – also unabhängig davon ob im Einzelfall tatsächlich einen medizinischer Hinweis auf Komplicationen vorliegt.
00:16:17: Darunter fallen beispielsweise alle schwangeren Frauen über fünfunddreißig Mehrlingsschwangerschaften oder eine Schwangersschaft nach einem Kaiserschnitt.
00:16:26: In der Schweiz gelten daher bis zu fünfzig Prozent aller Schwangerschaften als Risikoschwangerschaft.
00:16:32: Das Problem dabei, eine Risikoshwangerschaft wird nicht nur mehr überwacht sondern es wird meist auch mehr interveniert.
00:16:39: Eine Frau ab vierzig wird zum Beispiel generell eine Einleitung am errechneten Geburtstermin empfohlen.
00:16:45: aber auch bei einer regulären Schwangershaft müssen vierundzwanzig Stunden nach einem Blasensprung die Wehen künstlich eingeleitet werden um das Risiko eines Infekts zu verhindern.
00:16:56: Eine künstliche Einleitung kann jedoch zu einer PDA führen, bei der der Muttermund regelmäßig vaginal untersucht werden muss.
00:17:04: Wodurch auch das Risiko für einen Infekt erheblich steigt – den man eigentlich durch die Einleitung nach einem Blasensprung verhindern wollte!
00:17:14: In den letzten zehn Jahren stieg die Zahl der Geburtseinleitungen und Entbindungen unter perioduraler Nestäsie deutlich an.
00:17:21: Mittlerweile wird jede dritte vaginale Geburt künstlich eingeleitet und jede zweite findet unter PDR statt.
00:17:28: Je größer eine Entbindungstation, desto höher ist der Anteil an
00:17:31: Geburtseinleitungen.".
00:17:33: Die Nationale Ethik-Kommission verweist darauf, dass der relativ hohen Rate medizinischer Untersuchungen und Interventionen keine entsprechende Verringerung der gesundheitlichen Risiken von Mutter und Kind mehr gegenüberstünden und stellt eine Tendenz zur Pathologisierung von Schwangerschaft und Geburt fest.
00:17:50: Eine individuelle Risikoabwägung dagegen kostet Zeit und setzt voraus, dass die Fachpersonen auch der Kompetenz der Gebärenden vertrauen.
00:18:01: Das Gefühl bei der Geburt zu versagen!
00:18:05: Vor jeder medizinischen Intervention müssen Ärztinnen, Hebammen- und Betreuungsfachpersonen bei der Gebährendin ihre Zustimmung einholen – auch in einem medizinischem Notfall.
00:18:16: Eingriffe ohne Einwilligung sind nur erlaubt wenn die gebärende Person urteilsunfähig ist.
00:18:21: Zeitdruck-, Personalengpässe oder logistische Gründe gelten nicht.
00:18:26: Ein gegen den Willen der urteilsfähigen Frau durchgeführter Eingriff zum Schutz des Phötos würde eine Körperverletzung darstellen, heißt es in der Stellungnahme der Nationalen Ethikkommission.
00:18:38: Viele der dokumentierten Rechtsverletzungen hält die nationale Ethik-Kommission fest sein nicht so sehr Ausdruck individueller Übergriffe sondern verwiesen auf eine tiefer liegende oft geschlechtsspezifische Problematik.
00:18:52: Gebärende erleben immer wieder dass ihre Schmerzen nicht ernst genommen werden und ihnen die Kompetenz abgesprochen wird, die Vorgänge in ihrem Körper einordnen zu können – und darauf basierend Entscheidungen zu treffen.
00:19:05: Diese Praxis macht unseren gesellschaftlichen Umgang mit dem weiblichen Körper deutlich.
00:19:10: Eine Frau wird im Kontext der Geburt als irrational und potentiell gefährlich betrachtet – selbst für ihr eigenes Kind!
00:19:18: Weshalb man offenbar glaubt diesen Prozess kontrollieren zu müssen?
00:19:22: Die Nationale Ethik-Kommission fordert daher, dass Fachpersonen konsequent über die rechte Gebärende Personen sowie über genderspezifische Aspekte aufgeklärt und dazu ausgebildet werden.
00:19:34: Statt einer neuen Strafnorm sollten interne Richtlinien in den Spitälern erarbeitet und durchgesetzt werden.
00:19:41: Zudem müssten Beschwerdemechanismen zur Verfügung stehen damit institutionelle Missstände adressiert und verändert werden könnten.
00:19:50: Darüber hinaus sei eine kontinuierliche Begleitung von der Schwangerschaft über die Geburt bis zum Wochenbett wünschenswert.
00:19:57: Der Einsatz von Beleghebammen, so die Empfehlung ist deshalb einem System mit Schichtwechsel vorzuziehen.
00:20:04: Im Kanton Bern bekommt eine selbstständige Hebamme allerdings gerade mal vierhundertfünfzig Frankenentschädigung für fünfwochen Pikettdienst und muss dafür Tag-und Nacht bereitstehen, bis die Geburnt losgeht.
00:20:17: Natürlich hätte ich mich gegen all die Eingriffe wehren können sagt Johanna Luser heute.
00:20:23: Ihre Tochter ist jetzt zweieinhalb, aber ich wollte mich ja nicht mit jenen anlegen von denen ich abhängig
00:20:28: bin.".
00:20:29: Die Geburt macht ihr schmerzhaft bewusst wie sie als weiblich sozialisierte Person in solchen Situationen tickt!
00:20:37: Wie sehr sie auf das Fachwissen anderer vertraut statt auf ihre eigene Erfahrung als Frau und Hebamme?
00:20:43: Dass es ihr wichtiger ist keine Umstände zu machen als für sich einzustehen Und wie selbstverständlich es sich anfühlt nicht gefragt zu werden.
00:20:53: Nach der Geburt schämt sie sich doppelt, ihr Körper hat versagt und Sie selbst hat es nicht geschafft, sich zu wehren.
00:21:01: Viele Frauen denken sie sein Selbstschuld wenn sie nicht natürlich gebären konnten was auch daran liegt dass in den sozialen Netzwerken die Geburt oft romantisiert wird.
00:21:13: Lange fällt es Johanna Loser schwer das was Ihr wiederfahren ist als Gewalt unter der Gebur zu bezeichnen.
00:21:20: Eine Vernachlässigung oder Manipulation kommt ja sehr still daher, nicht gewalttätig.
00:21:26: Die Ärztin gibt hinterher als Indikation für den Kaiserschnitt an.
00:21:29: – Kopfbecken-Misverhältnis Nach der Geburt ihrer Tochter entscheidet sich Johanna Loser gegen ein Nachgespräch mit ihrer Beleghebamme und der ÄrztInn.
00:21:40: Ich weiß ja wie solche Gespräche im Spital laufen, sagt sie Die Fachpersonen würden der Frau noch mal erklären, warum diese und jene Maßnahmen notwendig gewesen sei.
00:21:52: Aber dass man ihr wirklich zuhört wie sie die Geburt erlebt hat und gemeinsam überlegt wie es hätte besser laufen können dafür ist weder Raum noch Zeit.
00:22:02: Stattdessen macht sie eine Psychotherapie und stößt auf ein altes Muster bei sich das viele weiblich sozialisierte Personen kennen.
00:22:10: so oft wurde ihnen die eigene Wahrnehmung abgesprochen Dass Sie denken andere wüssten es besser als sie Selbst bei der Geburt der eigenen Kinder.
00:22:19: Spätestens dann, wenn sie mit dem Neugeborenen allein zu Hause sind wird von Müttern dagegen erwartet dass Sie auf einmal alles selbst entscheiden.
00:22:28: Was gebe ich dem Kind zu essen?
00:22:31: Gehe Ich jetzt zum Arzt Wenn es Fieber hat oder nicht?
00:22:35: was ist wirklich wichtig?
00:22:37: Natürlich hätte ich sofort einem Kaiserschnitt zugestimmt wenn Es Nicht Anders gegangen wäre sagt Johanna loser.
00:22:44: aber die haben null gekämpft.
00:22:46: Es sollte einfach so schnell wie möglich über die Bühne gehen.
00:22:49: Bis heute fühlt sich die neununddreißig-jährige um eine existenzielle Erfahrung betrogen, wenn sie an die Geburt ihrer Tochter zurückdenkt oder wenn sie überlegt nochmal ein Kind zu
00:23:00: bekommen.".
00:23:02: Ich verstehe jetzt wieso Frauen allein gebären", sagt sie und das obwohl sie selbst Hebamme ist.