Das bessere Amerika ist noch nicht abgesagt

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00:00:05: Die Demokratie in den USA feiert ihren zweihundertfünfzigsten Geburtstag und ist bedroht wie nie.

00:00:12: Doch gerade der Blick in die Geschichte der US-Verfassung bietet Anlass zur Hoffnung, das bessere Amerika ist noch nicht abgesagt.

00:00:22: Ein Beitrag von Sebastian Moll vorgelesen von einer synthetischen Stimme – ob am vierten Juli, siebzehnhundertsechs und siebzig tatsächlich die Glocke läutete im Dachstuhl des State House von Pennsylvania, Historikerinnen mutmaßen aber, dass sie um die Geburt einer Nationkund zu tun in Schwung gebracht wurde.

00:00:44: Jene Glocke, die man vier und zwanzig Jahre zuvor bei einer Gießerei in London bestellt hatte.

00:00:49: Sie sollte delegierten Versammlungen und öffentliche Kundgebungen in der Staatshauptstadt Philadelphia einberufen – nun ertönte sie glaubt man damit jeder Mann jede Frau und jeder Sklave um die Proklamation der Unabhängigkeit von der englischen Krone wisse.

00:01:05: Fest steht dass ihr Klangkörper früh schon beschädigt wurde.

00:01:09: Der heute berühmte Sprung entstand dann später im Zuge von erfolglosen Reparaturarbeiten.

00:01:15: Die Glocke trägt auftragsgemäß die Inschrift, der zufolge sie allen Bewohnern des Landesfreiheit verkünde.

00:01:22: Im Jahr der Gravure- Dass sie ein Vierteljahrhundert später in Erfüllung gegangen sein soll, macht sich bis heute prächtig als einer der Ursprungsmythen der United States of America.

00:01:37: Heute hängt die Liberty Bell in einem Pavillon im Zentrum des nationalen Unabhängigkeitsparks zwischen den gläsernen Wolkenkratzern des Geschäftszentrum von Philadelphia – der größten Stadt im Bundesstaat, den ich im Frühsommer besuche, als die Temperaturen bereits deutlich ansteigen!

00:01:53: Selbst an einem gewöhnlichen Werktag ist die Schlange zum Eingang mindestens hundert Meter lang.

00:01:58: Schilder zeigen in regelmäßigen Abständen die geschätzte Wartezeit an.

00:02:03: Die Liberty Bell aus der Nähe zu betrachten, ist das Ziel einer Pilgerschaft, die einmal im Leben zu unternehmen so etwas wie eine patriotische Pflicht jeder US-amerikanischen Staatsbürgerin ist Sie einmal gesehen zu haben, soll jeden Amerikaner mit dem sturen und unbändigen Freiheitswillen aufladen der diese Nation vermeintlich seit Anbeginn prägt.

00:02:24: Der Unabhängigkeitspark in Philadelphia ist eine Miniatur der National Mall von Washington Eine langgezogene rechteckige Parkanlage die Klarheit und Rationalität vermitteln soll eine Freifläche im Zentrum Die die Bürgerinnen nutzen können sowie symbolische Orte der amerikanischen Demokratie an beiden Enden.

00:02:43: In Washington steht das Kapitol auf einer Seite, die Denkmäler für die beiden prominentesten Präsidenten der Geschichte Abraham Lincoln und George Washington auf der anderen.

00:02:54: In Philadelphia bildet das eine Ende der Anlage das alte Staatshaus.

00:02:58: Der schlichte zweistöckige Backsteinbau ist der Vorläufer des Kapitols von Washington – Ort der Kontinentalkongresse.

00:03:06: Hier versammelten sich die Delegierten der Gründerstaaten, die im Sommer des Jahres seventeenhundertsiebenundachtzig die Verfassung des Landes debattierten und schließlich am siebzehnten September unterzeichneten.

00:03:17: Am anderen Ende der etwa dreihundert Meter langen Anlage thront auf einer leichten Anhöhe seit zwei tausend drei ein moderner luftiger Museumsbau aus Glas- und Hellemstein.

00:03:28: Er nennt sich Konstitutionscenter Ein Ort, an dem die Hintergründe und Prinzipien des wichtigsten Dokuments der amerikanischen Geschichte vermittelt werden sollen.

00:03:39: Der Aufrufverhalt im Lehren Mit dem Andrang an der Liberty Bell kein Vergleich.

00:03:46: Wenige Wochen vor dem zweihundertfünfzigsten Geburtstag der Nation ist das Constitution Center leer.

00:03:52: Ich irre etwas verloren zwischen den lebensgroßen Bronzestatuen der Delegierten der verfassungsgebenden Versammlung umher.

00:03:59: Mir wird ein wenig unheimlich, als mir der Greise Benjamin Franklin mit seiner krummen Nase streng und erschöpft in die Augen blickt.

00:04:07: Der unterbeschäftigte Museumsführer erklärt derweil beinahe schon aufdringlich detailliert den Unterschied zwischen den beiden Fraktionen.

00:04:23: Die eifrigen Geiz wirken bemitleidenswert in ihren Bemühungen, den Wert des Gründungsdokuments der amerikanischen Demokratie zu vermitteln.

00:04:35: In die Multimediashow zur Wirkungsgeschichte der Verfassung verlaufen sich gerade einmal ein halbes Dutzend brasilianischer Touristinnen, Ansonsten macht der Ort den Donald Trump und Kamala Harris bei der Präsidentschaftsdebatte ... ... für ihr TV-Duell nutzten, wenig Hoffnung für die Zukunft des Landes.

00:04:59: So verhalt am Ende der Multimediashow der Aufruf des Sprechers... Es sitzt niemand in den Rängen, der sich für diese Generation Amerikaner die Frage stellen könnte wer heute das Wir des amerikanischen Volkes sein soll und was es bräuchte um die Gemeinschaft am Leben zu erhalten.

00:05:20: Angesichts der extremen Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft scheint ein Konsens über Das Wir unerreichbar.

00:05:29: Die Anhängerinnen der Magerbewegung zeigen mal mehr Mal weniger explizit Wer für sie nicht dazugehört Einwanderer aus arabischen oder lateinamerikanischen Kulturkreisen, die sie bestenfalls temporär dulden wollen selbst dann wenn Sie die US-Staatsbürgerschaft haben.

00:05:48: Quiere Menschen – Angehörige nicht christlicher Glaubensgemeinschaften und Vertreterinnen der angeblich radikalen Linken werden von Hardcore Magers ebenfalls kaum zum Wir gezählt.

00:06:00: Sich unermüdlich überprüfen.

00:06:03: Die progressiven Liberalen wiederum begreifen die USA als grundsätzlich offen und inklusiv, und kämpfen dafür jegliche gesellschaftliche Hierarchisierung einzudämmen gleich nach welchen Kriterien.

00:06:16: Das Streben nach einer More Perfect Union – wie es in der Präambel der Verfassung heißt – einer fortlaufenden Vervollständigung des Wir ist nach liberaler Auslegung der Auftrag den die Philadelphia-Delegierten dem Neugeborenen Land mitgegeben

00:06:30: haben.".

00:06:32: Die gängige Interpretation, der vom pensilvanischen Gouverneur Morris formulierten Pre-Ambel lautet dass die verfassungsgebende Versammlung siebzehnhundertsiebenundachtzig zusammenkam um mit dem neuen Dokument etwas zu schaffen das die ehemaligen Kolonien besser zusammenbringt als die bis dahingeldenden Artikel der Konfideration.

00:06:51: Aber der berühmte erste Satz wird seither stets auch als grundsätzliche Verfasstheit des Landes zitiert.

00:06:57: Nicht zuletzt der frühere US-Präsident Barack Obama hat ihn immer wieder verwendet, um darauf hinzuweisen, dass das wir –das Amerika, das er meint– ein unermüdliches ist.

00:07:08: Eines, das niemals aufhört an sich zu arbeiten und besser zu werden!

00:07:12: Dass die Verfassung so wie sie seventeenhundertsebendachzig präsentiert und siebzehnhundertachtundachtzig ratifiziert wurde alles andere als perfekt war wussten schon ihre Autoren Benjamin Franklin Der Einzige, der sowohl an der Unabhängigkeitserklärung als auch an der Verfassung mitgewirkt hat, sagte er unterzeichne das Dokument im vollen Bewusstsein seiner zahlreichen Unvollkommenheiten und in der Hoffnung dass es wenigstens eine Zeit lang die Menschen vor Despotismus bewahren könne.

00:07:42: Alexander Hamilton fand die Verfassung besser als nichts und der erste Präsident der USA George Washington schrieb an seinen Freund den Marquis de Lafayette In dieser Welt keine Perfektion erwarten.

00:07:57: Zu den vielen Unvollkommenheiten gehörten die zahlreichen Kompromisse, die die Gründerväter hatten schließen müssen um zu einer Einigung zu gelangen.

00:08:05: So beschlossen sie etwa dass alle Bundesstaaten im Senat gleich repräsentiert würden ungeachtet der Bevölkerungsgröße Oder, dass die Frage der Rechte für Sklaven und für Frauen nicht geregelt wird – zwei Dinge von denen die Delegierten sehr wohl wussten, das sie den humanistischen Grundsätzen des Papiers offen widersprachen.

00:08:24: Zudem enthielt das ursprüngliche Papier keinen Grundrechtskatalog wie etwa die englische Verfassung von sixteenhundertneunundachtzig.

00:08:33: Mythen, Symbole und Rituale.

00:08:36: Die Historikerin Jill LePore schreibt in ihrer umfassenden Geschichte der US-Verfassung We the People.

00:08:43: Das Dokument sei im besten Fall ein Rohentwurf gewesen.

00:08:46: Besonders wichtig war darum Artikel fünf, der festlegt dass der Entwurf erweitert und ergänzt werden muss und wie das geschehen soll.

00:08:54: It was intended to be amended.

00:08:57: Zitiert sie eine Cartoon-Kampagne zum Zweihundertjahr Jubiläum von nineteenhundertsiebenundachtzig in der Bugs Bunny Kindern die Grundlagen der Verfassung erklärt.

00:09:06: Es war immer die Idee, dass die Verfassung laufend weiterentwickelt würde.

00:09:10: Le Poris Auffassung der Verfassung als offenes Dokument ist mehr als bloße Rechtsphilosophie.

00:09:17: Sie steht für eine Idee von Amerika.

00:09:19: Es ist eine Idee, die sich durch die gesamte amerikanische Kulturgeschichte zieht und die der Soziologe Robert Bella in den Neunzehnsechzigerjahren als Zivilreligion beschrieb.

00:09:30: Eine Art sekulare Bürgerreligionen, die das demokratische Projekt mit Mythen, Symbolen und Ritualen auflädt.

00:09:38: Bella sah im Denken der Gründerväter Spuren des eschatologischen Denkens der Puritana.

00:09:44: Amerika war für sie ein Experiment, in dem ohne Ballast von Traditionen eine gänzlich neue Form des menschlichen Zusammenlebens ausprobiert wird.

00:09:53: Der Ausgang ist dabei radikal offen – das demokratische egalitäre Projekt kann auch schiefgehen und manche Entwicklungen der jüngsten Zeit könnten durchaus dazu verleiten zu glauben dass es bereits gescheitert sei.

00:10:06: Doch die Zivilreligion wird von einem schier unerschütterlichen Optimismus getragen, von einem Glauben an den Menschen und seine Fähigkeit ein besseres Zusammenleben schaffen und gestalten zu können.

00:10:17: Es ist ein sturer, unbeugsamer Glaube – eine Hoffnung, die nicht so leicht aufgegeben wird!

00:10:24: Der Philosoph Richard Rorty beschrieb diesen Glaubem in seinem Buch Achieving Our Country als das Gegenteil einer bräsigen amerikanischen Selbstzufriedenheit.

00:10:34: Er fußt in der Überzeugung, dass der Mensch sich stets bessern könne, das er zur Reform fähig sei.

00:10:40: Anders als die Geschichtsschreibung, die die Trump-Regierung vorgeben möchte, erkennt diese liberale Geschichtsschreibung Fehler und Sünden an.

00:10:49: Der Genozid an den Ureinwohnerinnen – Die Barbarei der Sklaverei, die Unterdrückungen von Frauen werden benannt – während die Regierung unter Trump versucht sie aus den Geschichtsbüchern dem Schulunterricht und den Museen zu tilgen.

00:11:03: Der amerikanische Geist kapituliert aber auch nicht wie Teile der Linken vor der grundsätzlichen Fehlbarkeit des Menschen.

00:11:11: Er erkennt die Sünden viel mehr an und versucht es besser zu machen, immer in der Hoffnung doch noch eine perfekte Union schaffen zu können.

00:11:20: Die Betonung dabei liegt auf Perfektor – anstatt auf perfekt!

00:11:25: Das Projekt mag nie an einen utopischen Endpunkt gelangen.

00:11:29: Immer wieder für Demokratie, Chancengerechtigkeit und Menschenrechte zu kämpfen, Generation um Generation – und nicht aufzugeben ist jedoch umso mehr Verpflichtung.

00:11:40: Diesen Geist des amerikanischen Liberalismus artikulierte jüngst auch der Gründer des Widerstandsnetzwerks Indivisible Ezra Levine, der seit Jahrzehntsechzehn Bürger mobilisiert, um das Trump-Regime in Schach zu halten zum Beispiel durch Massendemonstrationen.

00:11:56: Lewin möchte nicht in den Chor derer einstimmen, die die amerikanische Demokratie für verloren halten.

00:12:02: Er glaubt dass das Gerüst der repräsentativen Demokratie und ihrer Institutionen noch trägt – und dass es möglich ist Trump innerhalb dieser Institution zu überwinden.

00:12:13: Gleichzeitig mahnt er die Trump-Ära müsse als katastrophales Ereignis behandelt werden und es gelte jetzt schon die Ärmel hochzukrempeln um das Amerika nach Trump gegen eine erneute autoritäre Machtübernahme zu immunisieren.

00:12:27: Unvollkommen, aber uneingeschränkt.

00:12:31: Der Philosoph Richard Rorty beschrieb den konservativen Geist im Gegensatz zum Liberalen als einen der glaubt das Land habe bereits eine moralische Identität und es gelte nur sie zu bewahren.

00:12:43: Das Geschichtsbild dieses konservatives Amerikas sei durch-unddurch mythisch.

00:12:49: Die Nation wurde demzufolge von tugendhaften freiheitsliebenden Helden geboren und war von Anfang an die strahlende City upon the Hill, der glorreiche Endpunkt der Menschheitsgeschichte.

00:13:00: Es gibt nichts zu perfektionieren – Amerika stand immer schon auf der Seite der Gerechten.

00:13:05: Betriebsunfälle wie die Sklaverei oder fehlgeleitete militärische Abenteuer in Übersee werden klein geredet oder in eine weit entfernte Vergangenheit verbannt, Für Jill LePore spiegelt sich diese Haltung in der Rechtsphilosophie des Originalismus wieder, die seit Ronald Reagan zur verfassungsrechtlichen Orthodoxie geworden sei und er heute die Mehrheit des konservativen Supreme Court anhängt.

00:13:33: Der Originalismus sieht die von den Autoren selbst als unvollkommen beschriebene Verfassung als uneingeschränkt autoritativ an.

00:13:41: Maßgabe für deren Auslegung ist die vermeintliche Intention der Verfasser zum Zeitpunkt der Niederschrift.

00:13:47: Die obersten Richter werden zu Historikern und durch Cammen Dokumente der Zeit, Briefe die einzig überlieferten Protokolle der Verfassungsdebatten von James Madison und die in New Yorker Zeitungen geführten Diskussionen zwischen Föderalisten und Anti-Föderialisten.

00:14:03: Laut Lipore ist der Originalismus eine konservative Taktik Grundrecht einzuschränken weil die Ratifizierung von verfassungszusetzen in einem polarisierten Amerika zunehmend unmöglich geworden war.

00:14:16: Dabei ging es immer schon vor allem um zwei Dinge.

00:14:19: Die Revision des Rechts auf Abtreibung und die Revision der bahnbrechenden Bürgerrechtsgesetzgebung aus den Neunzehntsechzigerjahren.

00:14:27: Auf beiden Gebieten konnte er von Trump mit einer Mehrheit an konservativen Richtern ausgestattete Oberste Gerichtshof in den vergangenen Jahren Triumphe feiern.

00:14:37: In dem Jahr ist das Urteil «Row vs.

00:14:41: Wade» mit der Begründung revidiert, die Verfassung garantiere kein solches Recht.

00:14:46: Abtreibung werde dort nicht einmal erwähnt.

00:14:49: Mit einer ähnlichen Argumentation wurde der Schutz des Wahlrechts für Afroamerikanerinnen ausgehöhlt, die Verfassung argumentieren die Originalisten in ihrem jüngsten Urteil zur Wahlkreismanipulation lasse überhaupt keine gesetzliche Regelung des Wahlrecht aufgrund von Hautfarbe zu also auch keine die das Wahlrecht von Schwarzen schützt.

00:15:10: Die Gründerväter seien weil tugendhaft auch farbenblind gewesen.

00:15:15: Jill Le Porre kommt zum Schluss, dass die amerikanische Verfassung unter einem originalistischen obersten Gerichtshof und einem Präsidenten – dem sie ohnehin nur lästig ist – aus dem letzten Loch pfeift.

00:15:27: Und mit ihr die amerikane Demokratie.

00:15:30: Dennoch gibt es zum zweihundertfünfzigsten Geburtstag der USA Anlass zur Hoffnung.

00:15:36: Amerika als Zivilreligion lebt von denen, die nicht müde werden weiter am Erreichen des Landes zu arbeiten.

00:15:43: In Minneapolis etwa riskierten Bürgerinnen ihre Existenz und ihr Leben, um sich gegen eine grausame Einwanderungspolizei zu stemmen.

00:15:51: Die No-Kings-Märsche gegen Trumps Totalitarismus waren drei der größten Massendemonstrationen der amerikanischen Geschichte Und das Widerstandsnetzwerk Indivisible umfasst rund dreitausend selbstorganisierte Gruppen im ganzen Land.

00:16:07: Sie alle haben den Glauben nicht aufgegeben dass es ein besseres Zusammenleben zwischen Menschen geben kann Und sie haben es auf sich genommen, wie jede Generation ihrer Vorfahren dafür zu kämpfen.

00:16:18: Sie sind We The People.