Wann sind wir obdachlos?
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Dieser Beitrag wurde mit einer eigens für die Republik entwickelten synthetischen Stimme vertont. Mehr dazu hier.
Transkript anzeigen
00:00:05: Häufig wenden wir uns von Kloshars angeickelt ab.
00:00:08: Mindestens insgeheim bewundern wir sie aber auch!
00:00:12: Wann sind wir obdachlos?
00:00:15: Ein Beitrag von Daniel Straßberg, vorgelesen von einer synthetischen Stimme.
00:00:21: Ich sitze in Berlin an einem Tisch vor dem Café Einstein Genauer – An einem der Tische eines der unzähligen Cafés die den Namen des jüdischen Genies vielleicht ja in der Hoffnung tragen Der Name werde auf die Kundschaft abfärben.
00:00:35: Daraus wurde nichts Vielleicht auch, weil das Café mit dem Genie überhaupt nichts zu tun hat.
00:00:41: Aber es könnte wohl sein dass der Obdachlose, der an jenem Morgen in einem ehemals weißen Flanellbademantel vor dem Café Einstein hin und her paradierte Kippenaufhob Menschen um Geld anbettelte oder längere Monologe über sich selbst hielt Sich noch eine Ahnung der Verbindung von Wahnsinn und Genie bewahrt hatte Und gerade deshalb diese Ecke von Berlin ausgewählt hatte.
00:01:04: Jedenfalls liegt der Verdacht nahe, dass ein eigentlich gesund aussehender groß gewachsener junger Mann mit gepflegtem Bart – der seine Vormittage damit verbringt – Zigarettenstummel zu sammeln und Vorträge zu halten.
00:01:17: Sowohl wahnsinnig als auch obdachlos sei!
00:01:20: Obdachlose nicht im Sinne der existenziellen Obdachelosigkeit von Georg Lukatz oder der moralischen Obdichlosigkeit von Niklaus Luhmann sondern ganz platt.
00:01:29: Ein Mensch ohne Unterkunft, ohne Dach über dem Kopf.
00:01:33: Obdachlosigkeit und Wahnsinn scheinen unlösbar miteinander verknüpft zu sein.
00:01:38: Unklar ist lediglich, ob der Wahnsinn die Obdachtlosigkeit oder die Obdaglosigkeit den Wahnsinn hervorruft.
00:01:45: Im reichen Westeuropa zieht man den Wahnsinn als Ursache vor – denn wäre der junge Mann normal, könnte er sich alle mal eine Wohnung leisten!
00:01:54: Oder etwa nicht?
00:01:55: Anzeige, bequeme, anderthalb Zimmerwohnung, drei Tausend vierhundertfünfzig Franken pro Monat.
00:02:02: Schwer vorstellbar ist allerdings, dass der Zustand der Obdachlosigkeit freiwillig gewählt wird aus vernünftigen Überlegungen sozusagen.
00:02:11: In eben diesem Moment zeigt meine Begleiterin auf eine Frau die in zerrissenen aber sauberen Kleidern am Eingang einer U-Bahnstation ausgestreckt auf einem Karton am Boden liegt präzise zwischen dem Fahrradweg und der Treppe zur Haltestelle.
00:02:25: Käme ein Fahrrad auch nur kurz ins Schlingern?
00:02:28: Die Frau würde wahrscheinlich erhebliche Verletzungen davon tragen.
00:02:31: Sie liegt schon seit Monaten, wenn nicht seit Jahren an exakt derselben Stelle.
00:02:36: Ihre Augen sind offen und blinzeln neugierig und auch ein wenig verschmitzt den Leuten zu die an ihr vorbeigehen.
00:02:43: Man scheint sich zu kennen und sich gegenseitig zu respektieren.
00:02:47: Von Zeit zu Zeit steckt ihr jemand wortlos einen Sandwich oder eine Flasche Mineralwasser zu Die sie ebenso wortlose wie stolz entgegennimmt.
00:02:57: Kein Zeichen der Scham zeigt sich weder bei der Frau noch bei den Schenkenden.
00:03:02: Offenbar haben alle begriffen, dass sich die Frau deren Alter nicht zu schätzen ist.
00:03:07: Hier an diesem Ort sicher fühlt – sicherer jedenfalls als in einem obdachlosen Asyl oder bei ihrem vielleicht gewalttätigen Ehemann!
00:03:17: Ich stelle mir vor das sie zum ersten Mal auf der Straße übernachtete, als ihr zwölfjähriger Sohn seinen Vater nachahmte und der Mutter eine Ohrfeige verpasste, als sie ihm sein Bier nicht aus dem Kühlschrank holte.
00:03:29: Ich stelle mir vor, sie sei vorher Lehrerin gewesen.
00:03:32: Seit jenem Tag aber an dem Sie ihre Wohnung und Ihre Familie endgültig verließ glücklich und erleichtert ist darüber keine Angst mehr vor Jungs-und Vätern haben zu müssen.
00:03:43: hier wäre der richtige Zeitpunkt für den Einsatz des Vorwurfs.
00:03:46: ich bediene Klischees.
00:03:47: darauf müsste ich antworten.
00:03:49: man wird ja noch die Wahrheit sagen dürfen worauf sie antwortten müssten.
00:03:53: das sei gar nicht die Wahrkeit sondern nur ein primitives vermutlich sexistisches Vorurteil.
00:03:59: Das mag zutreffen oder nicht, diese Debatte will ich hier gar nicht führen.
00:04:03: Es geht mir nur um die Bilder, die bei mir hochkommen.
00:04:07: Zurück in Zürich warte ich auf das Tram, dass mich nach Hause bringen soll als mich ein Mann anspricht, sauber gekleidet und akkurat rasiert und mir in korrektem Deutsch mit starkem spanischem Akzent erklären will, daß er seit drei Wochen schon im freien schlafe.
00:04:22: Ich drehe mich um leise – Nicht jetzt!
00:04:26: murmelnd wobei mir selbst nicht klar ist, wann jetzt ist.
00:04:30: Ich denke bei mir dass er mich ohnehin anlügt doch kaum habe ich mich umgedreht wobei sich der Rollkoffer mit dem Rucksack verheddert steht dort wieder ein Mann ungekämmt, unrasiert und in zerschlissenen Kleidern.
00:04:43: Er bittet mich um Feuer.
00:04:44: erleichtert diesmal Nicht lügen zu müssen erkläre ich ihm das ich nicht rauche.
00:04:50: Obdachlose sind wahnsinnig Lügnerisch und oder schmutzig.
00:04:55: Obwohl Untersuchungen zeigen, dass die Obdachlosigkeit statistisch der Psychose vorausgeht, halten wir an diesem Vorurteil fest.
00:05:02: Zuerst der Wahnsinn dann die Obdaglosigkeit.
00:05:06: Obwohl ich genug Zeit und bestimmt genug Geld gehabt hätte, der Brieftasche zwei oder fünf Franken zu entnehmen, wende ich mich moralisch oder ästhetisch angeekelt ab.
00:05:16: Hatte ich mir nicht vor Jahrzehnten vorgenommen keinen Abzuweisen, der mich um einen Almosen bittet?
00:05:22: Der Ekel – obwohl an sich unerklärlich hat die guten moralischen Vorsätze inzwischen weggefegt.
00:05:29: Dass der bewusste Ekel nichts anderes als verdrängte Angst ist, dürfte jedem, der von Psychoanalyse schon einmal etwas gehört hat klar sein – doch Angst wovor?
00:05:39: Um sie zu verstehen müssen wir noch einen Blick auf jene Frau werfen, die in Berlin ruhig auf dem trottoir liegt ohne Zeichen der Scham, der Angst oder der
00:05:48: Verrücktheit.".
00:05:49: Ich bin mir nicht sicher, ob der Ekel auch dann nicht eingetreten wäre wenn sie mich direkt um ein Brötchen oder eine Wasserflasche gebeten hätte.
00:05:57: Aber ich vermute mal eher nicht denn auch keiner der anderen Passanten zeigt irgendeine abweisende Reaktion sondern eher Respekt und Rücksichtnahme.
00:06:06: Worin liegt also der Unterschied?
00:06:09: Die Frau setzt sich dem Blick der Anderen bewusst aus.
00:06:12: Sie nimmt ihn an Oder besser?
00:06:15: Sie nimmt den Blick auf sich.
00:06:17: Damit sind die Betrachter von jeder Mitschuld an ihrem Schicksal befreit.
00:06:21: Sie zeigt schließlich weder Angst noch Unterwürfigkeit, sondern legt im Gegenteil eine Art von Stolz an den Tag als hätte sie sich freiwillig für die Obdachlosigkeit entschieden oder zumindest den Blick aus freiem Willen auf sich genommen.
00:06:35: Diese Frau setzte sich aus wie die Nacktpriester dem Blick des Skeptikers Pyrron.
00:06:40: Letzterer nahm als Embedded Malar am Feldzug Alexandras nach Indien teil.
00:06:45: Als er mit seinem Geldbeutel zeigen wollte, wie reich er als Maler des Kaisers geworden war, zeigten ihm die Gymnosophisten den Vogel, als ob diese wenigen Metallstücke irgendeinen Wert repräsentieren würden.
00:06:58: Beeindruckt von dieser Reaktion kehrte Pyrrhon nach Hellas zurück und lebte fortan in seiner Heimatstadt Elis – in bescheidensten Verhältnissen mit seiner Schwester für die er Hühner und Schweine auf dem Markt verkaufte wenn er nicht gerade das Haus putzen musste.
00:07:13: Es gab auch immer Menschen wie etwa Diogenes von Sinope, die sich bewusst für die Obdachlosigkeit entschieden haben.
00:07:20: Die Kyniker zum Beispiel erhoben die Wohnungslosigkeit geradezu zu ihrem philosophischen Programm.
00:07:26: Auch das neue Testament enthält das Motiv des Bewusst-Heimatlosen zugespitzt im Satz.
00:07:31: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester – aber der Menschensohn hat nichts wo er sein Haupt hinlege!
00:07:39: Matthäus Kapitel VIII, Vers.
00:07:41: XX und Lukas Kapitel IX,
00:07:43: Vers.,
00:07:44: VIII.
00:07:46: Aufgenommen wurde dieses Motiv von den wandernen Bettelorden besonders von den Franziskanern die freiwillige Armut weniger als Verzicht denn als Botschaft der Nachfolge Christi verstanden.
00:07:58: auch in den hinduistischen Traditionen gibt es die Vorstellung dass ein Mensch Familie Beruf Besitz Und festen Wohnsitz hinter sich lassen und als wandernder Asket leben sollte.
00:08:10: Der buddhistische Bettelmönch soll keinen eigenen Haushalt gründen und nur von Almosen leben.
00:08:15: Die Digambarermönche verzichteten sogar auf Kleidung, und zeigten sich nackt in der Öffentlichkeit.
00:08:22: Trotz gewisser Differenzen stand immer dieselbe Idee dahinter.
00:08:26: Der Verzicht auf weltlichen Besitz macht frei – er befreit von allen Abhängigkeiten sowohl von den Menschen als auch von den Dingen.
00:08:34: Es sind immer die Abhängigkeiten, die Leiden schaffen weil sie die Möglichkeit des Verlustes beinhalten.
00:08:40: Um Leid zu verhindern, bleibt deshalb nur die Möglichkeit alles von Sicht zu werfen, dessen Verlust Schmerzen bereiten würde.
00:08:47: Die unfreiwillige Obdachlosigkeit scheint ein Gefühl der Abscheu – die Freiwillige hingegen einen Gefühl der Bewunderung hervorzurufen.
00:08:55: Allerdings führt gerade diese Bewunderungen in ein merkwürdiges Paradoxon genauso wie auch die Abschei in ein Paradoxonn mündet.
00:09:03: Jeder Besitz hat eine doppelte Bedeutung.
00:09:06: Zum Einen verhilft er vermeintlich zum Genuss.
00:09:10: Wer ein Bett besitzt, liegt bequemer.
00:09:13: Wer eine Felljacke besitze, friert nicht.
00:09:15: Wer ein Buch besitzen erobert fremde Welten.
00:09:18: Zum anderen aber verhilft Besitz zur
00:09:20: Bewunderung.".
00:09:21: Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Albert O'Hirschmann hat darauf hingewiesen dass ein Produkt einen höheren Preis erzielt wenn es Bewunderungen garantiert.
00:09:31: ob das nun ein Bösendorfer Flügel oder Nike Turnschuhe sind Hirschmans Lieblingsbeispiel ist unerheblich.
00:09:38: Nun kippt aber die Situation um hundred-achtzig Grad.
00:09:42: Mehr als alle Turnschuhe und Konzertflügel löst der freiwillige Nichtbesitz Bewunderung aus, doch gerade die psychische Abhängigkeit von der Anerkennung anderer beraubt den Mönch jener Freiheit, die er durch den Verzicht erreichen wollte.
00:09:58: Wer nackt und bettelnd durch die Städte Indiens schlurft kann sich der Beachtung seiner Mitmenschen sicher sein wobei wieder unklar bleibt, ob Beachtung oder Fair-Achtung im Vordergrund steht.
00:10:10: Und wenn Bill und Melinda Gates die Hälfte – oder mehr – ihres Milliardenvermögens für gute Zwecke spenden, so ist keineswegs sicher das sie reine Bewunderung ernten.
00:10:20: Kaum einer wird nicht insgeheim daran denken wie unermesslich Obstzön schon die Helfde ihres Vermögens ist!
00:10:28: Umgekehrt mischt sich der Abscheu vor den wahnsinnigen, lügnerischen und schmutzigen Obdachlosen oft ein Anflug von Bewunderung bei.
00:10:36: Bewunderungen für die Fähigkeit das Ausgesetztsein zu ertragen – während wir schon Schweißausbrüche erleiden wenn wir nur um einen zusätzlichen Tag Urlaub bitten.
00:10:46: Unbezahlt selbstverständlich!
00:10:49: Die Reaktion auf Obdachtlosigkeit scheint also obligat zwischen Abschei- und Bewunderungszuoszilieren.
00:10:56: Wer sich voller Abscheu vom Schmutz des Obdachlosen abwendet, wird sich das Mitleids und der Bewunderung über kurz oder lang auch nicht entziehen können.
00:11:04: Und wer den indischen Nacktmönch für seinen Mut bewundert, wird über kurz- oder lang die Abschei vor seiner Lust an der Exhibition nicht verbergen
00:11:11: können.".
00:11:13: Die Dialektik von Abscheui und Bewunderungen scheint die Obdachtlosigkeit prinzipiell – Nicht nur graduell mehr zu betreffen als andere Formen der Besitzlosigkeit.
00:11:23: Der französische Wissenschaftsphilosoph Gaston Bachelard, eighteenhundertvierundachtzig bis neunzehnhundertzweiundsechzig stieß in der Dichtung von Charles Baudelaire auf einen Begriff, der die Innenwelt eines Menschen beschreibt.
00:11:37: Auch die von Baudelère selbst, der sich der Obdachlosigkeit freiwillig aussetzte – Die Unermesslichkeit.
00:11:44: Unermässlichkeit übersetzt das französe Waste zwar nur ungefähr aber die beiden Ausdrücke weisen wichtige Überschneidungen auf.
00:11:52: Die freiwillige Obdachlosigkeit, so Baselach, schafft einen extatischen Innenraum der alle Grenzen übersteigt.
00:12:00: Oder wie es der französische Dichter Oscar Milosh beschreibt stürzt ein.
00:12:04: ihr lieblosen Grenzsteine der Horizonte erscheint wirkliche Fernen und ein paar Seiten später alles war Licht, Milde Weisheit Und in der unwirklichen Lust winkten die Fernen einander zu.
00:12:17: meine Liebe umhüllte das All.
00:12:21: Die lieblosen Grenzsteine der Horizonte markieren einen Newton-Innenraum, einen Raum, der durch die Dinge markiert wird und in dem die Zwischenräume vermessen werden können.
00:12:32: Die Unermesslichkeit ist aber die wirkliche Ferne dort wo der Unterschied zwischen den festen Grenzstenen und der unwirklichen Luft der Liebe, der Milde und der Weisheit verschwindet.
00:12:45: Ware Obdachlosigkeit bedeutet also die festen Dinge verschwinden zu lassen, beziehungsweise auf sie verzichten zu können und durch die wirklichen Fernen in der nur die Nicht-Dinge wie Liebe, Milde und Weisheit wehen und atmen können zu ersetzen.
00:13:01: Die Unermesslichkeit ist mit anderen Worten ein Raum, der keinen Halt bietet – kein Dach, keine Tür oder keinen Boden – und gerade dadurch eine Festigkeit und Sicherheit erhält, die jeden materiellen Halt
00:13:14: übersteigt.".
00:13:15: Die Erfahrung der Unermesslichkeit befreit wirklich von allen Abhängigkeiten.
00:13:45: oder ebenso häufig eine Frau sei, der aber zu Spinnen angefangen habe nachdem er einen Wochenend Meditationskurs besucht habe.
00:13:54: Meist ließ sich die Situation durch einige beruhigende Maßnahmen manchmal auch durch milde Medikamente entschärfen.
00:14:00: nur selten erwies sich eine Klinikeinweisung als nötig.
00:14:04: Was war geschehen?
00:14:06: Es scheint dass es den Meditationen gelungen war den psychischen Zustand der Obdachlosigkeit oder der Unermesslichkeit herbeizuführen.
00:14:14: Offenbar ist die Obdachlosigkeit auch ein psychischer Zustand, der zudem so harmlos nicht ist.
00:14:19: Und auch hier gibt es eine freiwillige und eine unfreiwillige Variante wobei die Freiwillige meist wie das Beispiel zeigt durch Meditationen erreicht wird.
00:14:28: Es geht hier nicht darum den Durchmeditationen erreichbaren psychischen Zustand zu beschreiben.
00:14:34: Zum einen kenne ich ihn aus eigener Erfahrung nicht zum anderen gibt es dazu unzählige Bücher.
00:14:41: Mich interessiert bloß jener Ausschnitt, den man psychische Obdachlosigkeit nennen könnte.
00:14:47: Wenn Sie nun daraus schließen das ich ihn kenne dann liegen sie nicht ganz falsch allerdings lediglich die unfreiwillige Variante.
00:14:56: Jean Améry ein österreichischer Publizist dessen Thema vor allem seine Erfahrungen während des Holocaust waren beschreibt in seinem Buch Jenseits von Schuld und Sühne seine erste Verhaftung durch die Gestapo in Belgien.
00:15:10: Er war erwischt worden, als er antifaschistische Flugblätter verteilte.
00:15:14: Das einschneidendste Erlebnis sei die erste Ohrfeige des Gestapo-Offiziers gewesen.
00:15:19: In diesem Moment – beschreibt Ameri – habe er die Hilfsgewissheit verloren.
00:15:24: Unter Urvertrauen oder Weltvertrauen könne er sich wenig vorstellen unter Hilfsgewissheit aber schon.
00:15:30: Wir lebten in der unbewussten Gewissheit das in der Not jemand zu Hilfe eilt.
00:15:34: Wer diese Gewissheit in der frühesten Kindheit nicht erworben habe, sei letztlich nicht lebensfähig – nicht überlebensfähigh.
00:15:42: Diese Hilfsgewissheit wird aber nicht nur durch Menschen vermittelt sondern auch durch Dinge!
00:15:48: Durch das Dach über uns dass uns schützt, durch den Boden auf dem wir stehen und indem wir verwurzelt sind Und durch die Tür die wir schließen und wieder öffnen können.
00:15:57: Dinge schützen uns ebenso wie Menschen uns beschützen.
00:16:01: Den Zustand der Obdachlosigkeit freiwillig oder unfreiwillig, halten wir nur aus wenn wir verwurzelt sind.
00:16:09: Die Verwurzelung ist wohl das wichtigste und am meisten verkante Bedürfnis der menschlichen Seele schreibt die französische Philosophin Simone Weil in ihrem Buch «Verwurzelungen».
00:16:20: Die Verwirzelung ist offensichtlich das genaue Gegenteil der Obdachlosigkeit.
00:16:25: Wenn wir Simone Weil Glauben schenken wollen so isst die Obdachtlosigkeit die am meisten verkannte Kraft gegen die menschliche Seele Und doch ziehen nicht wenige Menschen die Obdachlosigkeit der Verwurzelung vor.
00:16:37: Zumindest scheinbar!
00:16:40: Ich würde deshalb vermuten, dass die Neigung zur frei gewählten Obdachelosigkeit der Angst vor der Abhängigkeit entspringt.
00:16:47: Mit anderen Worten können sich nur diejenigen, die Neigungen zur Obdichlosigkeit leisten, die ausreichend verwurzelt sind – die zu irgendeiner Gemeinschaft gehören.
00:16:57: Wer das Experiment Obdachlosigkeit ohne ausreichende Verwurzelung wagt, wird am Sonntagabend wohl bald den Notfallpsychiater anrufen müssen.
00:17:07: Edith Jacobson – eine Psychoanalytikerin die während der Hitler-Herrschaft wegen ihrer politischen Tätigkeit ebenfalls von der Gestapo eingesperrt wurde schilderte später die psychischen Folgen, die es auf ihre Mitinsassinnen hatte dass ihnen alle persönlichen Gegenstände weggenommen wurden.
00:17:23: Viele von ihnen gerieten laut Jacobson in einen milden psychotischen Zustand.
00:17:28: Offenbar wurde dadurch, dass sie alle ihnen gehörende Objekte abgeben mussten ihr Ich in einen Strudel gerissen In einen instabilen Zustand der nicht mehr kompensiert werden konnte.
00:17:39: Die Faszination die Q-der genialische Bastler der James Bond Filme ausübt besteht darin Dass selbst ein winziger Kugelschreiber unter Umständen die Welt retten kann.
00:17:51: Wo fängt das ich an?
00:17:53: Und wo hört das Ich auf?
00:17:56: Man ist versucht, sich die Antwort leicht zu machen.
00:17:59: Natürlich bildet die Haut die Grenze des Ichs – doch diese Antwort ist zutrivial!
00:18:05: Würden wir uns nackt in der Öffentlichkeit unbehaglich fühlen wenn die Haut tatsächlich unser Ich abgrenzen würde?
00:18:12: Wäre die nackte Haut dann nicht die ideale Repräsentanz des Ichss, dass Organe, auf das wir besonders stolz sein könnten weil es uns zeigt wie Wir sind?
00:18:23: Aber die Haut gehört uns eben nicht ganz.
00:18:25: Sie gehört nicht ganz zu uns.
00:18:28: Es ist auch das Organ, dass ich dem anderen zur Berührung anbiete.
00:18:33: In seinem Aufsatz Das Ich und Das Es schreibt freut folgende rätselhaften Sätze Dass Ich isst vor allem ein körperliches.
00:18:42: es ist nicht nur ein Oberflächenwesen sondern selbst Die Projektion einer Oberfläche.
00:18:48: Wenn man eine anatomische Analogie für dasselbe sucht kann man es am ehesten mit dem Gehirnmännchen der Anatomen identifizieren, das in der Hirnrinde auf dem Kopf steht die Fersen nach oben streckt, nach hinten schaut und wie bekannt links die Sprachzone trägt.
00:19:05: Die Beispiele zeigen dass das ich nicht nur den Körper bewohnt sondern mithilfe von Gegenständen in die Welt herausragt.
00:19:13: Zahnbürsten, Spazierstöcke und Kleidungsstücke verbinden den Körper mit der Welt.
00:19:41: dass ich ragt in die Welt hinein und die Welt schreibt sich in den Körper ein.
00:19:48: Die unfreiwillige Obdachlosigkeit ist demnach ein Zustand, indem der Übergang zwischen Körper- und Welt durch eine scharfe und unüberwindliche Grenze verhindert wird.
00:19:58: Körper und Welt vermischen sich nicht mehr – sie bleiben im Gegenteil voneinander getrennt!
00:20:03: Die Folge davon ist existenzielle, furchterregende Einsamkeit.
00:20:08: Ich bin nur noch ich, die Welt nur noch Welt.
00:20:12: Beide sind voneinander vollständig getrennt.
00:20:16: Manchmal kann nur eine Zahnbürste diese Einsamkeit aufheben.
00:20:21: Das Obdach ist mit anderen Worten nicht bloß ein Dach, das uns schützt sondern alle Gegenstände die sowohl zu mir als auch zur Welt gehören gehören zum Obdacht.
00:20:30: Heutzutage ist das Smartphone wohl das deutlichste und eindringlichste Beispiel dafür.
00:20:36: Überlegen Sie doch einmal ganz kurz und ganz für sich, ob es einen Gegenstand gibt dessen fehlen bei Ihnen einen präpsychotischen Zustand auslösen könnte.
00:20:45: Wenn ich beispielsweise ein Hotelzimmer betrete suche Ich zuallererst einen Platz der sich als Bücherregal eignet Und dann stelle ich dort meine Bücher sorgfältig ab.
00:20:55: Erst dann beginnen die Ferien.
00:20:58: Obdachlosigkeit ist demnach ein Zustand Der nicht nur durch das Fehlen eines Daches gekennzeichnet ist sondern auch durch das Feelen einer Übergangszone zwischen Körper und Dingen, die zu mir gehören sowie durch das Fehlen einer ausreichenden Verwurzelung, die die Scherkräfte der Obdachlosigkeit aufhebt.
00:21:18: Vor fast vierzig Jahren reisten wir drei Monate mit einem Tagiführer durch die Sahara – zu Fuß, mit dem Land Rover oder mit Kamelen.
00:21:26: Wenn sich zwei Touareg begegneten, blieben sie etwa dreißig Meter voneinander stehen Schöne Träume gehabt.
00:21:38: Und noch weiteren Formeln, an die ich mich nicht erinnern kann.
00:21:41: Erst wenn das Ritual abgeschlossen war konnte man anhand ihrer Reaktionen erkennen ob sich die beiden kannten, ob sie Brüder waren oder verfeindeten Clans angehörten.
00:21:52: Einmal achtete ich mich nie auf den Targi sondern schländerte Gedanken verloren weiter.
00:21:58: Unser Führer – sonst ein außerordentlich freundlicher und umgänglicher Mensch wurde richtig wütend.
00:22:06: Ich solle gefälligst hinter ihm stehen bleiben und warten.
00:22:09: Erst da wurde mir der Zweck des Rituals klar, die Worte, die immer gleichen Sätze bauten ein virtuelles Haus in dem dann die eigentliche Kommunikation stattfinden konnte.
00:22:20: ich lernte damals dass man Häuser ja ganze Städte aus ein paar Setzen bauen kann.