Von Gaza nach Ägypten: Das zweite Trauma

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Dieser Beitrag wurde mit einer eigens für die Republik entwickelten synthetischen Stimme vertont. Mehr dazu hier.

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00:00:05: In Ägypten suchen Menschen vor zwei der brutalsten Kriege unserer Zeit Zuflucht.

00:00:10: Was erwartet sie dort?

00:00:11: Ein Besuch bei Familien aus dem Gaserstreifen und dem Sudan, das zweite Trauma – ein Beitrag von Boas Ruh, vorgelesen von einer synthetischen Stimme.

00:00:25: Diese Wahl sollte keine Mutter treffen müssen!

00:00:27: Und trotzdem muss sich Rehm entscheiden.

00:00:30: Die vierundvierzigjährige Palästinenserin aus dem Gasastreifen hat es endlich auf die Evakuationsliste geschafft.

00:00:36: Sie darf nach Ägypten ausreisen und mit ihr eine Begleitperson.

00:00:41: Doch Rehm hat zwei Kinder, einen zehnjährigen Sohn und eine neunjährige Tochter.

00:00:46: Ihr Mann ist bereits vor einigen Jahren gestorben.

00:00:49: Falls sie flieht muss sie ein Kind allein im Krieg zurücklassen.

00:00:53: Diese Entscheidung hat mir das Herz zerrissen, sagt Rehm.

00:01:07: Auch nach bald zwei Stunden wird sie nicht müde.

00:01:10: Rehm war Lehrerin in Gaza, Sie unterrichtete an einer privaten Primarschule Mathematik Naturwissenschaften Englisch Religion Geschichte.

00:01:19: Nach der Heirat gab sie ihren Beruf auf wurde Hausfrau und Mutter Doch als ihr Mann zwei tausend achzehn starb Die beiden Kinder waren damals ein-und zweijahre alt kehrte sie zurück an die Schule.

00:01:32: Jeden Morgen brachte sie die Kinder zur Kita Und ging unterrichten.

00:01:36: Mein Leben war schwer und anstrengend, aber ich fühlte mich stark", sagt sie.

00:01:41: Ich hatte meine beiden Kinder.

00:01:44: Im Oktober-Zweißunddreiundzwanzig nach dem Massaker der Hamas und der israelischen Bodenoffensive im Gaza-Streifen änderte sich Rehm's Leben auf einen Schlag.

00:01:54: Die Schule machte zu, Rehm war komplett auf fremde Hilfe angewiesen.

00:01:59: Im Konflikt wurde alles auf den Kopf gestellt – ich wurde vertrieben mehr als zwanzig Mal!

00:02:04: Die ganze Zeit gab es Luftangriffe.

00:02:06: Immer wieder kam die Meldung, dass neue Angriffe bevorstehen.

00:02:11: Israels Armee hat seither systematisch Wohnhäuser medizinische Einrichtungen Schulen und Lebensgrundlagen zerstört.

00:02:18: Sie hat fast alle Bewohnerinnen vertrieben.

00:02:20: Es gibt zehntausende Tote.

00:02:22: Überdurchschnittlich oft sind Kinder betroffen.

00:02:25: sie gelten als vermisst sind verschwunden inhaftiert unter den Trümmern begraben oder in Massengräbern beigesetzt.

00:02:34: Rehm erzählt nicht viel von dieser Zeit.

00:02:36: Lieber fokussiert sie auf Momente, in denen sie aktiv werden konnte.

00:02:40: Etwa als im September twenty-fünfundzwanzig ihre Schule an einem neuen Standort wiedereröffnete.

00:02:47: Fortan reiste sie täglich eine Stunde quer durch den Gaserstreifen.

00:02:52: Jeden Tag musste ich meine Kinder zurücklassen und wusste nie ob ich sie abends wiedersehen würde aber die Arbeit gab mir meine Würde zurück Die Möglichkeit für meine Kinder zu sorgen, ihnen einen Apfel oder eine Banane kaufen zu können.

00:03:12: In dieser Zeit einigen sich die Kriegsparteien auf einen sogenannten Waffenstillstand – doch das Töten geht weiter!

00:03:18: Seit der Waffenstilstand in Kraft getreten ist sind in Gaza mindestens dreihundert Kinder ums Leben gekommen.

00:03:25: Das ist ein totes Kind pro Tag Und dann wird Riems Leben ein zweites Mal auf den Kopf gestellt.

00:03:31: Bei ihr wird Brustkrebs diagnostiziert.

00:03:34: An Arbeit ist nicht mehr zu denken.

00:03:36: Irgendwann wird ihr klar, sie braucht medizinische Versorgung.

00:03:39: eine Operation ist notwendig.

00:03:41: Sie muss ihre Heimat verlassen.

00:03:44: Das ist der Moment als sie auf der Liste für eine medizinischen Evakuierung landet.

00:03:49: Diese Plätze sind knapp.

00:03:50: Tausende warten verzweifelt.

00:03:52: Die Schweiz hat vor einem Jahr zwanzig verletzte Kinder aufgenommen die meisten jedoch acht tausend siebenhundert zweiundachtzig insgesamt wurden nach Ägypten evakuiert.

00:04:03: Das ist auch das Reiseziel für Rehm und dasjenige Kind, dass sie mitnehmen kann.

00:04:08: Dass es nur eines ist – das will die undurchsichtige Bürokratie wobei unklar ist ob die Restriktion nun von der israelischen, der palästinensischen oder der ägyptischen Seite kommt mit denen die UNO Gesundheitsbehörde die Evakuierungen koordinieren muss.

00:04:25: doch wie nur soll sie zwischen ihren beiden Kindern wählen?

00:04:29: Rehm erzählt mein Sohn sagte mir nimm meine Schwester und geh Ich werde bleiben.

00:04:35: Ihre Tochter habe ihr gesagt, warum willst du nicht mit mir weg?

00:04:39: Warum bist du so unentschieden?

00:04:41: Liebst du mich denn

00:04:42: nicht?".

00:04:43: Doch Rehm gab nicht auf!

00:04:45: Sie reiste mit beiden Kindern zum Bus der sie aus dem Gasastreifen bringen sollte.

00:05:06: Zehn Jahre alt hat sie zurückgelassen.

00:05:10: Schweizer Geld?

00:05:12: Während Rehm erzählt, sitzt Laian neben ihr.

00:05:16: In der Hand hält sie ein Stück rote Knetmasse, an dem sie unablässig herumdrückt.

00:05:21: Rehm und Laian sind nicht ihre richtigen Namen – zu ihrem Schutz sind sämtliche Namen von Geflüchteten in diesem Beitrag geändert.

00:05:29: Seit Mai-Zweitausendzechsundzwanzig leben Rehm & Laian in Ägypten.

00:05:34: Sie teilen sich am Stadtrand von Cairo eine Wohnung mit einer anderen geflüchteten Familie aus Gaza.

00:05:40: Bezahlt wird diese von der ägyptischen Regierung.

00:05:43: Die Unterkunft ist das einzige, was die Behörden bereitstellen.

00:05:47: Sonst gibt es nichts Kein Geld kein Essen keine Bildung keine Beteiligung an den Behandlungskosten im Spital.

00:05:55: Rehm hat durch den Krebs die rechte Brust verloren.

00:05:59: Mittlerweile ist sie krebsfrei.

00:06:01: Tochter Laian geht wieder zur Schule Sie nimmt am Online-Unterricht teil, den das Bildungsministerium in Gaza anbietet.

00:06:09: Und sie besucht ein kinderfreundliches Zentrum von Save the Children wo sie Nachhilfeunterricht bekommt und von Psychologinnen betreut wird.

00:06:18: Die Hilfsorganisation betreibt in Ägypten zwei solche Zentren für palästinensische Kinder.

00:06:24: Größter Geldgeber dieses Projekts ist die Schweiz.

00:06:27: Eins Komma fünf Millionen Franken sprach der Bund die nach Ägypten evakuiert wurden.

00:06:36: Ein Großteil davon im Rahmen von Donald Trumps Gaza-Peace Plan.

00:06:41: Ende zu Jahrzehnte und zwanzig läuft diese Finanzierung aus.

00:06:46: Beim Schweizer Außendepartement heißt es auf Anfrage, eine allfällige Weiterführung der Finanzierung sei derzeit offen.

00:06:54: Siebenhundert Fünfzig Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren profitieren momentan noch von diesem Angebot.

00:07:01: Das Bedürfnis ist ungleich größer.

00:07:07: Es sind Kinder, die sonst kaum Möglichkeiten haben eine Schule zu besuchen, zumal sie vom ägyptischen Bildungssystem ausgeschlossen sind.

00:07:33: Ihren Bruder.

00:07:34: Ihre Stimme überschlägt sich beinahe, wenn sie über ihn spricht.

00:07:38: Im Stakato zählt sie seine Vorzüge auf.

00:07:41: Er ist brillant, gescheit er isst freundlich lustig.

00:07:46: er ist mein Held.

00:07:48: Mohammed lebt heute bei Verwandten Überall nur für kurze Zeit Denn Rehm will nicht dass er jemandem zu sehr zur Last wird In einer Situation wo alle ums Überleben kämpfen.

00:07:59: Deshalb lebt er für einige Tage bei einer Großtante Dann für einige Zeit bei einem Onkel.

00:08:05: Zu Fuß gehe er von Ort zu Ort, erzählt Reem immer alleine.

00:08:10: Sie schickt ihm Sprachnachrichten aufs Handy und wartet auf seine Antwort.

00:08:14: Nur ein bis zweimal pro Woche klappt der Kontakt.

00:08:17: Nicht immer kann er sein Handy aufladen.

00:08:20: Es geht ihm nicht gut sagt Reem Den Himmel nicht gefunden.

00:08:27: Seit Oktober-Zw.A.

00:08:30: sind gemäß Zahlen der EU mehr als hundertdreißigtausend Palästinenser aus dem Gasastreifen nach Ägypten geflohen, gelandet sind sie in einem Ferienparadies im Land von Nil und Pyramiden aber auch in einer brutalen Militärdiktatur wo das Geld kaum zum Überleben reicht.

00:08:49: Manche erfahren in Ägypte ein zweites Trauma sagt Doha Attia, die das kinderfreundliche Zentrum Little Gaza in Cairo leitet.

00:08:58: Die Kinder dachten, wenn sie aus Gaza raus sind dann würde alles gut und dann erleben Sie einen neuen Schock!

00:09:05: Sie finden hier nicht den Himmel, den Sie gesucht haben.

00:09:09: Manchmal fehlen Angehörige fast immer ist das Geld knapp.

00:09:13: alle blicken auf eine ungewisse Zukunft dass äußere sich in Aggressionen und Rückzug erklärt Doha Atia.

00:09:19: Deshalb spiele die psychologische Betreuung eine so große Rolle im Zentrum.

00:09:24: Wie lange die Palästinenserinnen in Ägypten bleiben können, weiß niemand.

00:09:28: Save the Children betreibt eine Hotline bei der sich die Geflüchteten melden können.

00:09:33: Drayundneunzig Prozent aller Anruferinnen könnten Grundbedürfnisse wie Essen, Miete oder Gesundheitsversorgung nicht decken, schreibt die Organisation.

00:09:42: Und nicht nur ihr Schicksal ist ungewiss.

00:09:45: In Ägypte suchen Menschen vor zwei der brutalsten Kriege unserer Zeit Zuflucht.

00:09:50: Es fliehen auch viele Menschen aus dem Sudan in das nördliche Nachbarland.

00:09:53: Sie finden prekäre Bedingungen vor.

00:09:57: In Ägypten leben über siebzig Prozent der hundertzwanzig Millionen Bewohner unterhalb der Armutsgrenze, unter ihnen eine Million registrierte Geflüchtete und viele mehr die nicht registriert sind.

00:10:08: Im März veröffentlichte eine Gruppe von UNO Sonderberichterstattern eine Stellungnahme es komme zu willkürlichen Verhaftungen und Abschiebungen von Geflüchteten.

00:10:17: Die Menschen würden in ihren Wohnungen, an ihren Arbeitsplätzen und in Hilfeszentren aufgegriffen.

00:10:23: Insbesondere Sudanesinnen seien davon betroffen.

00:10:26: Sudanesen sind in Ägypten Rassismus ausgesetzt, sagt Gerda Heck, Professorin am Center for Migration and Refugee Studies der American University in Cairo.

00:10:37: Im großen Garten der Universität direkt neben dem Tharieplatz erklärt sie die Hintergründe dieser feindseligen Stimmung.

00:11:00: Trotz Warnungen der UNO und von Menschenrechtsorganisationen Trotz all der staatlichen Willkür Ägyptens stufen die EU und die Schweiz das Land als strategischen Partner ein, und fördern das sogenannte Migrationsmanagement mit Millionenbeiträgen um zu verhindern dass geflüchtete Weiterrichtung Europa reisen.

00:11:20: Migrations-Management hat noch nie funktioniert.

00:11:24: Was funktioniere?

00:11:26: Dass man die Situation für die Menschen verschlechtert.

00:11:29: aber Menschen müssen irgendwo hin wollen irgendwohin.

00:11:32: sie finden immer Wege Eisratzien als Vorbild.

00:11:38: Ein Gebäude in Cairo, ebenfalls ein Standort von Save the Children Anders als bei Litte Gaza weht keine Fahne der NGO vor dem Eingang.

00:11:48: noch nicht einmal ein dezenter Schriftzug ist vorhanden.

00:11:51: Nichts deutet darauf hin dass hier neunzig Kinder zur Schule gehen.

00:11:55: den Kindergarten besuchen alle geflohen vor dem Krieg im Sudan.

00:12:00: Die Zentrumsleiterin beteuert, dass sei nicht aus Sicherheitsgründen so.

00:12:04: Man habe das Gebäude einfach belassen wie man es übernommen habe.

00:12:08: Eines der Kinder die hier zur Schule gehen ist die elfjährige Sudanesin Mimi ein neugieriges Mädchen das Geschichten über alles liebt.

00:12:16: in jeder freien Minute verschwindet sie hinter einem Buch und wenn immer möglich schnappt sie sich das Handy ihrer Mutter um darauf noch mehr Geschichten zu lesen.

00:12:26: ich mag es die Welt zu entdecken sagt Mimi Und sie will ganz viele Sprachen lernen.

00:12:31: In der Schule lernt sie Englisch, einige Sätze koreanisch die sie voller Stolz recitiert.

00:12:37: hat sie sich selbst beigebracht?

00:12:39: Wenn ich in der Schule war erzählt Mimi merke ich mir alles um meinen Geschwistern davon zu erzählen.

00:12:45: Mimi ist das vierte von sechs Kindern Die einzige die eine Schule besucht Zusammen mit ihrer Mutter lebt die ganze Familie in einem einzigen Zimmer.

00:12:55: Für mehr reicht das Geld nicht.

00:12:57: Seit einem Jahr lebt Mimi in Cairo.

00:13:00: Ihr Vater ist im Sudan geblieben, er leidet an einer Nierenerkrankung und ein Spital hat ihm dort eine Behandlung zugesagt.

00:13:08: Seine Familie ist geflohen vor einem Krieg der die größte humanitäre Krise der Welt verursacht hat.

00:13:28: Nadia Mohammed ist Programmdirektorin von Save the Children in Ägypten.

00:13:33: Seit zwölf Jahren arbeitet die Dänen für die Hilfsorganisation.

00:13:37: In dieser Zeit konnte sie beobachten, wie sich die Krisen dieser Welt intensivierten.

00:13:42: Ägypten steht vor einer sehr schwierigen Aufgabe, sagt sie Ein Großteil der eigenen Bevölkerung habe nicht genug zum Leben Die Rhetorik im Land habe sich verändert.

00:13:54: Stimmen würden laut, dass sich die Regierung auf die Bedürfnisse der Ägypterinnen konzentrieren solle.

00:14:00: Es hilft auch nicht was in den USA mit Eis passiert", sagt Mohammed.

00:14:05: Es werde sehr wohl registriert wenn die reichsten Länder Geflüchtete und Migrantinnen gewaltsam ausschaffen.

00:14:12: Obwohl weiterhin Menschen aus dem Sudan fliehen berichten ägyptische Menschenrechtsorganisationen von Zehntausenden von Deportationen in das Kriegsgebiet in den vergangenen zwei Jahren.

00:14:22: Zudem forciert die Regierung ein freiwilliges Rückkehrprogramm.

00:14:26: Doch dies sei nichts anderes als eine verdeckte Deportation, heißt es in einem Bericht zweier ägyptischer NGOs.

00:14:32: Sudaneseinnen würden verhaftet und dann gezwungen entsprechende Papiere zu unterzeichnen – der größte Wunsch!

00:14:41: Die internationale Organisation für Migration berichtete das bis Mitte Jahr rund sevenhundertsiebzig tausend Sudanesen aus Ägypten zurückgekehrt sind Manche unter Zwang, in anderen Fällen gehen sie auf eigene Initiative.

00:14:55: Oft sind das einzelne Familienmitglieder die überprüfen wollen ob eine Rückkehr für die ganze Familie sicher ist sagt Nadia Mohammed.

00:15:03: und vor Ort stellen Sie fest Eine Grundversorgung gibt es nicht Und wenn doch dann kostet es ein Vermögen.

00:15:10: Deshalb reisen viele wieder zurück nach Ägypten.

00:15:13: Die elfjährige Mimi wünscht sich bloß mit ihrer Familie vereint glücklich leben zu können Das auch ihr Vater da wäre Ohne Schmerzen und ohne Traurigkeit.

00:15:23: Ein Wunsch, den Laian aus Gaza mit ihr

00:15:26: teilt."

00:15:27: Ich wünschte mein Bruder wäre bei mir", sagt sie.

00:15:31: Ihre Mutter Rehm will eine Botschaft an die Machthaber dieser Welt platzieren.

00:15:35: Ihre Stimme wird laut!

00:15:37: Die Empörung ist spürbar – Tränen rollen ihr übers Gesicht.

00:15:42: Welches Recht erlaubt es, eine Mutter von ihrem Sohn zu trennen?

00:15:45: Welches recht erlaubT es ein Kind alleine in einem Kriegsgebiet

00:15:48: zurückzulassen?".

00:15:49: Mein Sohn sagt mir und das bricht mir das Herz, ihm sei es verwährt gewesen jemanden Vater zu nennen.

00:15:56: Und jetzt hat er auch noch seine Mutter verloren – welches Recht erlaubt das?