Mixtape Freundschaft 1/5: Best friends bis zum Ende des Patriarchats
Shownotes
Es sind Beziehungen, die unser Leben prägen. Im Guten wie im Schlechten. Hier finden Sie fünf Republik-Beiträge über die Freundschaft in der Vorgelesen-Sommerserie.
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Dieser Beitrag wurde vorgelesen von Magdalena Neuhaus.
Transkript anzeigen
00:00:04: Freundschaften stehen im Schatten der wahren Liebe.
00:00:07: Warum eigentlich?
00:00:09: Eine Liebeserklärung an die Freundschaft Best Friends bis zum Ende des Patriarchats Ein Essay von Anna Dreussi, gelesen von Magdalena Neuhaus.
00:00:22: Zitat Sind einfach alle schrecklich außer wir?
00:00:27: Zitatende Ja ganz bestimmt.
00:00:31: Im Kino läuft nichts Gutes.
00:00:33: Seit ein paar Tagen regnet es Es hört bestimmt nie auf.
00:00:37: Und alle sind schrecklich, außer wir!
00:00:41: Ich glaube, dass ich mit niemandem so gut gegen alles sein kann wie mit M. Der Regen sieht aus wie dünne, scharfe Klingen.
00:00:49: Heute ist kein Tag für Friedensangebote – Wir gegen die Welt.
00:01:05: Trotzdem stehen Freundschaften im Schatten der wahren Liebe.
00:01:09: Irgendwann werde ich mit einem Mann in einem Reihenhaus wohnen und säufzen, weil er den Müll nicht rausgebracht haben wird.
00:01:16: Das echte Leben passiert nur zwischen mir und einem Mann.
00:01:21: Nichts daran ist zeitgemäß!
00:01:24: Ich liebe Verliebtsein – ich mag es Musik zu hören und mich zu fragen ob er den Song auch mögen würde.
00:01:31: Trotzdem stört mich das Ideal der heteronormativen Paarbeziehung.
00:01:36: Es stärkt das Patriarchat.
00:01:39: Im zwanzigsten Jahrhundert setzte sich in der Schweiz das Idealbild der Hausfrau durch, In der Ehe galt die Hegemonie des Mannes – Die Frau richtete ihr Leben nach ihm.
00:01:49: Er galt als Ernährer und übte einen Beruf aus.
00:01:52: Sie war verantwortlich für Ries Casimir, gebügelte Hemden Und eine geschruppte Toilettenbrille.
00:01:59: Nach diesem Modell richtete sich auch die Wirtschaft Das Schulsystem, die Sozialversicherungen.
00:02:05: Nur eine verheiratete Frau, die sich ihrem Mann unterwarf, erfüllte die Anforderungen an ihr Geschlecht.
00:02:12: Gleichzeitig bedeutete das, dass sie ihre Handlungsmacht aufgab.
00:02:16: Vor nineteenhundertdachzig konnten verheIRatete Frauen ohne Unterschrift ihres Ehemanns kein Bankkonto eröffnen.
00:02:25: Sie begaben sich so in einer Position, die noch mehr Unterdrückung zuließ.
00:02:30: Nur so ließ sich das Patriarchat aufrecht erhalten – ein Paradox!
00:02:36: Klar, es hat sich einiges geändert.
00:02:38: Heute haben auch Frauen mit Ehemännern Bank konnten und werden mal bekocht und dürfen Burnouts bekommen.
00:02:45: Doch das Paradox besteht immer noch.
00:02:48: Julia Roberts und Richard Gier und ersten Kütcher und Mila Kunis und Ryan Gosling und Sandra Bullock knutschten das ultimative Idealbild der heteronormativen Paarbeziehung auf unsere Bildschirme.
00:03:02: Vater-Mutter Kind spielen Babyborn zu Weihnachten.
00:03:05: Meine Eltern sind schon zusammen seit sie achtzehn sind und können auch heute nicht ohne einander sein.
00:03:11: All das prägte meine Vorstellung davon, was eine Frau zu sein hat.
00:03:17: Frau funktioniert nur mit einer Präposition – eine Frau von, eine Frau mit!
00:03:22: Wir sind nicht ganz.
00:03:24: Das Ziel ist Familie den mütterlichen Instinkten zu folgen.
00:03:29: die große Liebe Die Erzählung von der emotionalen Frau, die unsterblich verliebt ist in einen latent abgeklärten Typen, der auch mal den Geschirrspüle ausräumt, wird einem schon früh beigebracht.
00:03:42: Frauen sind sanft und emotional und verliebet.
00:03:46: Ich glaube das ich schon als Kind damit haderte – ich hasste es vor Leuten zu weinen!
00:03:50: Ich sträubte mich gegen diese Emotionalität, die angeboren sein musste, die mein Schicksal
00:03:56: bestimmte.".
00:03:57: Der Fokus liegt auf der Paarbeziehung.
00:04:00: Unsere Leben sind danach ausgerichtet, und am Ende steht diese Fixierung zwischen uns und dem Ende des Patriarchats.
00:04:09: Ich stand im ganzen Vater-Mutter-Kinz-Szenario schon als Kind skeptisch gegenüber.
00:04:15: In der Primarschule war ich natürlich immer mal wieder verknallt – in einen Fußballer zum Beispiel!
00:04:20: Aber auf die Frage ob ich mit ihm gehen will, sagte ich nein.
00:04:25: Ich verbrachte die freien Nachmittage bei meiner damaligen besten Freundin.
00:04:29: Wir planten zusammen von zu Hause abzuhauen, wie die Mädchen in den Büchern Ronja Räubertochter oder die Hauptfiguren von Cornelia Funke.
00:04:38: Wenn die Nachmittage vorbei waren verabredeten wir uns in unseren Träumen.
00:04:43: Wir legten einen Ort fest und versprachen davon zu träumen!
00:04:48: Wenn die Welt kantig und hart und schwer ist dann sind meine Freundinnen es nicht – das ist auch Liebe.
00:04:56: Wenn ich an sie denke dann verstehe ich nicht, wie diese Rangordnung zwischen romantischer und platonischer Beziehung aufrechterhalten werden kann.
00:05:05: Eine Paarbeziehung soll all unsere Bedürfnisse abdecken – schließlich sind wir ja verliebt in unseren besseren Hälften, unserer Seelen verwandten, die lieben unseres Lebens!
00:05:17: Freundinnen haben Nebenrollen.
00:05:20: Vielleicht ist die Hierarchisierung von romantischen Beziehungen ja auch ein Mittel, um uns voneinander fernzuhalten?
00:05:26: Ja… Wir mögen befreundet sein, aber vor allem sind wir Konkurrentinnen.
00:05:31: Im Kampf um die Liebe – im Kampf darum ganz zu werden!
00:05:36: Auf der Jagd nach dem Traum der wahren Liebe, der Hochzeit, der Ikea-Einbauküche und zwei Kindern werden wir gegeneinander ausgespielt.
00:05:57: Antirachisierung unserer Beziehung bedeutet auch Verschwesterung.
00:06:02: Sie bedeutet mehr Solidarität, Verständnis und kollektive Wut gegen ein System das nur überlebt wenn wir rivalen sind.
00:06:12: Ich weiß dass ich mehr als nur ich selbst bin Wenn ich an meine Freundinnen denke.
00:06:18: Sich bei Menschen für Freundschaft zu bedanken löst in mir ein ähnliches Gefühl aus wie verliebt zu sein.
00:06:25: Bei einem Essen sagten weh und ich uns, wie froh wir sind dass wir uns kennen.
00:06:30: Vor einem Jahr haben wir uns in einer Führergruppe gefunden und sind seither befreundet Und ich spüre den Wein – und das Glück!
00:06:38: Wenn sich unsere Leben um eine Person dreht werden die Probleme individualisiert.
00:06:44: Eine Liebesbeziehung ist heilig.
00:06:47: Hier spielt sich doch nicht der ewige feministische Kampf ab Sondern nur eine kleine Meinungsverschiedenheit.
00:06:53: Das ist gefährlich.
00:06:57: Meine Freundschaften machen mich solidarischer.
00:07:00: Nur durch Gespräche mit anderen weiblich gelesenen Personen wurde ich immer mehr zur Feministin.
00:07:06: Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach schreibt in ihrem Buch Die Erschöpfung der Frauen, dass feministisches Denken und Handeln auf Bezüge zu anderen Frauen und Zuspruch von anderen Frauen aufbauen.
00:07:19: Der Austausch ist wichtig!
00:07:22: Die Autorin Bell Hooks schreibt Zitat.
00:07:28: Freundschaften, voll gegenseitiger Liebe liefern die Vorlage für unser Verhalten in anderen Beziehungen einschließlich unserer Partnerschaften und sie bieten uns die Möglichkeit Gemeinschaft zu erfahren.
00:07:42: Zitat Ende.
00:07:44: Freundenschaften geben uns Anhaltspunkte dafür wie wir mit Menschen umgehen wollen was wir in Beziehung nicht akzeptieren können was unsere Bedürfnisse sind wo unsere Grenzen liegen.
00:07:57: Manchmal rufe ich Leute an und ich mag nicht, was sie sagen.
00:08:01: Ich gehe in Cafés und höre den Menschen an den Nebentischen beim Plaudern zu und mag nicht ,was sie sich über den Tisch zurufen.
00:08:10: Ich lese die Titelseiten von Zeitungen und mag nichts, was da steht.
00:08:14: Und manchmal rufe dann M an – weil ich hören will, was M sagt!
00:08:20: Wenn wir als Gesellschaft damit anfangen würden Freundschaften genauso hochzuhalten wie romantische Beziehungen dann würde die Verteilung der emotionalen Arbeit neu ausgerichtet.
00:08:31: Männer würden sich bei der Verrichtung von emotionaler Arbeit nicht mehr nur auf ihre Partnerin verlassen, sondern auf ein Netz aus innigen freundschaftlichen Beziehungen vertrauen – das ist sehr nötig!
00:08:45: In einem Artikel der New York Times steht, dass Männer derzeit in einer Freundschaftsrezession stecken.
00:08:52: Eine amerikanische Studie zu Freundschaft, für die über zweitausend Personen befragt worden waren, zeigte, dass weniger als die Hälfte der Männer zufrieden sind mit der Anzahl ihrer Freundschaften.
00:09:04: Sie verlassen sich für emotionale Unterstützung seltener auf ihre Freunde als die Studienteilnehmerinnen.
00:09:11: Fünfzehn Prozent von ihnen haben keine engen Freundschafte.
00:09:16: Toxische Männlichkeit – männliche Einsamkeit – Fistbump statt Umarmung Das alles ist unüberwindbar ohne innige Freundschaften.
00:09:27: Der Traum der großen Liebe verspricht uns, dass jemand uns die Welt bedeutet – das wir jemandem die Welt bedeuten!
00:09:35: Ich will, daß viele mir die Welt bedeuten, ich will vielen die Welt betäuten in einer Paarbeziehung, in Freundschaftten als Schwester.
00:09:45: Ich will eine Liebe, die von Austeritätspolitik verschont ist.
00:09:50: Es ist schon genug
00:09:51: da.".
00:09:52: Im Sommer fuhr Em zu mir, weil sie gerade eine Trennung hinter sich hatte und wusste nicht wie lange sie bleiben würde.
00:10:00: Sie blieb zehn Tage.
00:10:01: Wir fuhren nach Italien in ein Haus das nicht uns gehört und kauften neue Chipsorten und zelten Mückenstiche und suchten Outfits aus für das Abendessen am See.
00:10:11: Ich stellte mir vor dass wir einfach blieben!
00:10:15: Wir würden lernen wie man bei der Promenade an einer Mauer lehnt und die Zigarette im Mundwinkel hängen lässt.
00:10:21: Wir würden lernen, wie man Campari-Soda nur mit einem Nicken bestellt.
00:10:26: Wir würden im italienischen Supermarkt nichts mehr suchen müssen!
00:10:30: Ich dachte daran, dass manche Dinge gut bleiben – auch wenn Nichts gut ist.
00:10:37: Freundinnen.